Inhaltsverzeichnis zur Katholischen SozialLehre, Catholic Social Teaching Autor: Dr. Ernst Leuninger

Katholische SozialLehre
Catholic Social Teaching
Autor: Dr. Ernst Leuninger

 

 

Thema der Seite: Armut in der Bibel

 

 

Armut in der Bibel und unser Auftrag                           

Die Armut in der Zeit des 1. Testamentes

1.1 Beschreibung der Situation

Armut gehört wie selbstverständlich zum Alltag des Volkes Israel. Sie nimmt sogar im Verlaufe der Jahrhunderte zu. Es hat wohl nie eine Zeit der gerechten Verteilung der Güter gegeben, obwohl dies angestrebt war. Aber die Sorge für die Armen ist durchgängig. Einige Beispiele sollen hier aufgeführt werden:

2 Samuel 12,1  Hierauf sandte der HERR (den Propheten) Nathan zu David; als dieser zu ihm gekommen war, redete er so zu ihm: »Es lebten zwei Männer in derselben Stadt, ein reicher und ein armer. 2 Der Reiche besaß Kleinvieh und Rinder in großer Menge, 3 der Arme aber hatte gar nichts als ein einziges Lämmchen, das er sich gekauft und aufgezogen hatte und das bei ihm und zugleich mit seinen Kindern aufwuchs; es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher, es schlief an seinem Busen (oder: auf seinem Schoß) und wurde von ihm wie eine Tochter gehalten. 4 Da kam eines Tages Besuch zu dem reichen Mann, und weil es ihm leid tat, ein Stück von seinem eigenen Kleinvieh oder von seinen Rindern zu nehmen, um es für den Besuch, der zu ihm gekommen war, als Mahl zuzubereiten, nahm er das Lämmchen des armen Mannes und richtete es für den Gast zu, der zu ihm gekommen
war. Es
geht hier um David, der durch Mord einem Mann die Frau geraubt hat. Die Armen werden noch von den Reichen beraubt. Sklaverei war zumeist Schuldsklaverei, die Sklaven gehörten zu den extrem Armen und Entrechteten.

2 Könige 4.1 Eine Frau von den Ehefrauen der Prophetenjünger flehte einst Elisa laut mit den Worten an: »Mein Mann, dein Knecht, ist gestorben, und du weißt selbst, daß dein Knecht ein gottesfürchtiger Mann gewesen ist. Nun ist der Gläubiger gekommen und will sich meine beiden Söhne zu Sklaven nehmen!« 2 Elisa antwortete ihr: »Was soll ich für dich tun? Sage mir, was du im Hause hast!« Sie erwiderte: »Deine Magd hat gar nichts mehr im Hause als nur einen Krug mit etwas Öl.« 3 Da sagte er: »Gehe hin, borge dir Gefäße von allen deinen Nachbarn draußen, leere Gefäße, aber nimm nicht zu wenige; 4 hierauf gehe heim, schließe die Tür hinter dir und deinen beiden Söhnen zu und gieße in alle jene Gefäße ein; und wenn eins voll ist, so setze es beiseite.«« 5 Sie ging dann von ihm weg und schloß die Tür hinter sich und ihren Söhnen zu; diese reichten ihr (die Gefäße), und sie goß sie voll. 6 Als nun die Gefäße gefüllt waren, sagte sie zu ihrem Sohn: »Reiche mir noch ein Gefäß!«, aber er antwortete ihr: »Es ist kein Gefäß mehr da«; da hörte das Öl auf zu fließen. 7 Als sie nun zu dem Gottesmann kam und es ihm berichtete, sagte er: »Gehe hin, verkaufe das Öl und bezahle deine Schuld; von dem, was dir dann noch übrigbleibt, kannst du mit deinen Söhnen leben.« Witwen und Waisen gehörten oft auch zu den Armen. Weiterhin Tagelöhner und Bettler.

Sprüche 22,7: 7 Der Reiche hat die Armen in seiner Gewalt, der Schuldner ist seines Gläubigers Knecht. Dieser Satz aus dem Buch der Sprichwörter macht deutlich, dass das Geldleihsystem mit seinen hohen Zinsen einen großen Anteil an der Verarmung hatte. Das steht auch nochmals im Buch Jiob 22,7 Der Reiche hat die Armen in seiner Gewalt, der Schuldner ist seines Gläubigers Knecht. 8 Wer Unrecht sät, erntet Unheil, der Stecken seines Übermuts versagt. 9 Wer ein gütiges Auge hat, wird gesegnet, weil er den Armen von seinem Brot gibt.

Das Phänomen der Armut war weit verbreitet, es betraf besonders schwache Bevölkerungsgruppen. Insgesamt wird man von der Frühzeit bis zum Hellenismus (1. Jh. vor Christus) mit einem stetigem Wachsen  von Armut in Israel zu rechnen haben.

1.2. Das Eintreten für die Armen

Der Einsatz für die Armen zieht sich durch die Bibel. Die Tora im Buch Exodus fordert, dass vor Gericht das „Recht des Armen“ nicht gebeugt werden soll.  23,6: 6 Beuge nicht das Recht eines von den Armen deines Volkes in einem Rechtshandel! – 7 Von falscher Anklage halte dich fern und hilf nicht dazu, einen Unschuldigen, der im Recht ist, ums Leben zu bringen! denn ich lasse den Schuldigen nicht Recht haben (oder: nicht ungestraft). 8 Nimm keine Bestechungsgeschenke an; denn Geschenke machen die Sehenden blind und verdrehen die Sache der Unschuldigen. Dieser Text weist darauf hin, dass die Armen ihr Recht erhalten müssen und nicht Korruption an die Stelle der Gerechtigkeit treten darf.

Jeremias 5,26 Frevler gibt es in meinem Volk;  Denn unter meinem Volke gibt es Gottlose, die auf der Lauer liegen, wie Vogelfänger sich ducken: sie stellen Fallen auf und treiben Menschenfang. 27 Wie ein Käfig sich mit Vögeln füllt, so füllen sich ihre Häuser mit ungerechtem Gut; auf solche Weise sind sie hoch gekommen und reich geworden; 28 fett sind sie geworden und feist, ja, ihre Verworfenheit überschreitet jedes Maß. An das Recht halten sie sich nicht; für die Sache der Waisen treten sie nicht ein, um sie zum Siege zu führen, und der Rechtssache der Armen nehmen sie sich nicht an. Weil das so ist, wird ein Strafgericht über Israel erfolgen, sagen die Propheten.

Sprichwörter 14,31 Wer den Geringen bedrückt, schmäht dessen Schöpfer, ihn ehrt, wer Erbarmen hat mit dem Bedürftigen. Der Umgang mit den Geringen hat unmittelbar mit deren Schöpfer zu tun, wie mit diesen umgegangen wird, so wird mit Gott umgegangen.

Ein Psalm lobpreist Gott selbst als Beschützer der Schwachen und  Armen. Psalm 35,10). Mit Leib und Seele will ich sagen: Herr, wer ist wie du? Du entreißt den Schwachen dem, der stärker ist, den Schwachen und Armen dem, der ihn ausraubt.

Wie theologisch wichtig die Option für die Armen ist, sagt Psalm 82 in deutlichen Bildern: 1  Gott steht da in der Gottesversammlung,

hält inmitten der Götter Gericht:

2 Wie lange noch wollt ihr ungerecht richten

und Partei für die Gottlosen nehmen? SELA.

3 Schafft Recht dem Geringen und Verwaisten,

dem Bedrückten und Dürftigen verhelft zum Recht!

4 Rettet den Geringen und Armen,

entreißt ihn der Hand der Gottlosen!

5 Doch sie sind ohne Einsicht und ohne Erkenntnis;

in Finsternis gehn sie einher,

mögen der Erde (oder: des Landes) Pfeiler auch alle wanken

Die Götter sind keine Götter mehr, weil sie sich nicht für die Unterdrückten einsetzen, sondern den Frevlern beistehen, die sie bedrängen..

Trotz des deutlichen Einsatzes für die Armen verklären die Texte der Bibel jeder die Armut nicht. Armut gilt als Elend und ist kein Ideal einer asketischen Lebensweise. Sie kennen kein Armutsideal, das in mönchischer oder asketischer Lebensweise zu verwirklichen wäre. Demgemäß kann Reichtum auch ein Segen Gottes sein. Was kritisert wird ist die Unterdrückung der Armen durch die Reichen und ein Leben auf Kosten dieser. Das utopische Ideal ist eine „Gesellschaft ohne marginale Gruppen“ (so sagte es N. Lohfink, 1990), die für den Fall der Einhaltung der Tora erwartet wird, wie es im Buch Deuteronomium 15,4-6 steht:  4 Es sollte zwar eigentlich keine Armen bei dir geben; denn der HERR wird dich in dem Lande, das er dir als Erbteil zum Besitz geben wird, reichlich segnen, 5 wenn du nur den Weisungen des HERRN, deines Gottes, willig gehorchst, indem du dieses ganze Gesetz genau beobachtest, das ich dir heute gebiete. 6 Denn der HERR, dein Gott, hat dir, wie er dir zugesagt hat, Segen verliehen, so dass du vielen Völkerschaften wirst leihen können, während du selbst nichts zu entleihen brauchst, ...

1.3. Die Idee des Sabbat- und des Jubeljahres

Sieben war eine heilige Zahl, sieben Tage dauerte die Woche. Alle sieben Jahre war ein Sabbatjahr, das den Armen diente. So steht es in Exodus 23, 10-12:  »Sechs Jahre sollst du dein Land bestellen und seinen Ertrag einernten; 11 aber im siebten Jahre sollst du es ruhen (= brachliegen) lassen und es freigeben, damit die Armen deines Volkes sich davon nähren können; und was diese übriglassen, soll das Getier des Feldes fressen. Ebenso sollst du es mit deinen Weinbergen und mit deinen Ölbaumgärten halten. – 12 Sechs Tage hindurch sollst du deine Arbeit verrichten; aber am siebten Tage sollst du feiern, damit dein Ochs und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Magd sowie der Fremdling Atem schöpfen können. Auch der Sabbat diente insbesondere den arbeitenden Menschen, den Fremden und Sklaven.

Nach sieben Schemitta-Jahren (jedes 7. Jahr, also nach 49 Jahren) folgte ein Jubeljahr (Joewel-Hahr), das 50. Jahr, in welchem die Freiheit aller Bewohner des Landes ausgerufen wird. Leviticus

8-12: Das deutsche Wort «Jubel» kommt vom hebräischen jobél (= Widderhorn). Mit dem Widderhorn blies man Alarm, kündigte man aber auch freudige Ereignisse, Feste und Festzeiten an.

 

Leviticus 25,8 9 »Sodann sollst du dir sieben solcher Sabbatjahre (= Ruhejahre oder: Jahrsabbate), also siebenmal sieben Jahre, abzählen, so daß dir die Zeit der sieben Sabbatjahre neunundvierzig Jahre beträgt. 9 Dann sollst du am zehnten Tage des siebten Monats die Lärmposaune erschallen lassen; am Versöhnungstage sollt ihr die Posaunen überall in eurem Lande erschallen lassen 10 und so das fünfzigste Jahr heiligen, und sollt im Lande Freiheit (oder: Befreiung) für alle seine Bewohner ausrufen: ein Halljahr (oder: Jobeljahr) soll es für euch sein, in dem ein jeder von euch wieder zu seinem Besitz kommen und ein jeder zu seiner Familie zurückkehren soll. 11 Ein Halljahr soll also jedes fünfzigste Jahr für euch sein; da dürft ihr weder säen, noch das, was von selbst gewachsen ist, einernten, noch Trauben von den unbeschnittenen Weinstöcken lesen; 12 denn ein Halljahr ist es: es soll euch heilig sein; vom Felde weg sollt ihr essen, was es von selbst hervorbringt.

13 In solchem Halljahr soll ein jeder von euch wieder zu seinem Besitz kommen. 14 Wenn du also deinem Nächsten (oder: Volksgenossen) etwas verkaufst oder von deinem Nächsten etwas kaufst, so sollt ihr einander nicht übervorteilen, ...

23 Der Landbesitz darf also nicht für immer verkauft werden, denn mir gehört das Land: ihr seid ja nur Fremdlinge und Beisassen bei mir. 31 Dagegen die Häuser in den Gehöften (oder: Dörfern), die von keiner Mauer umgeben sind, sollen als zum Feldbesitz gehörig angesehen werden: es soll (unbeschränktes) Rückkaufsrecht für sie gelten, und im Halljahr sollen sie frei werden. ...40 er soll dir wie ein Lohnarbeiter oder ein Halbbürger gelten und bei dir bis zum Jubeljahr arbeiten.41 Dann soll er von dir frei weggehen, er und seine Kinder, und soll zu seiner Sippe, zum Eigentum seiner Väter zurückkehren.

 

Die ursprüngliche Gleichheit und Freiheit aller sollte wieder hergestellt werden. Ob das in dieser Form gemacht wurde ist nicht bekannt. Es signalisiert aber eine Tendenz zur grundsätzlichen Gleichheit und Gerechtigkeit.

 

1.4. Strategien gegen die Armut

Es gab schon in der Bibel Israels Strategien gegen die Armut. Die ersten waren Sozialgesetze. In ihnen wird eine Option (vorrangiger Einsatz)  für die Armen deutlich. Diese ist  im biblischen Gottesbild selbst festgemacht. Er hat ja die Tora (Gesetze Israels)  erlassen, die dies zum Ausdruck bringen. So soll zum  Beispiel die Schwäche der Armen nicht ausgenutzt werden.

Aus der Option für die Armen, die im biblischen Gottesbild selbst verankert wird, leiten sich konkrete Maßnahmen ab, die der Eindämmung von Armut dienen sollen. Hier sind an erster Stelle die Sozialgesetze der Tora zu nennen. Sie verbieten generell die Ausnutzung der Schwäche der Armen. (Exodus 22,20-24). 20 Einen Fremdling sollst du nicht übervorteilen und nicht bedrücken; denn ihr selbst seid Fremdlinge im Land Ägypten gewesen. – 21 Keine Witwe oder Waise sollt ihr bedrücken. 22 Wenn du sie irgendwie bedrückst und sie dann zu mir schreien, so werde ich ihr Schreien gewisslich erhören, 23 und mein Zorn wird entbrennen, und ich werde euch durch das Schwert sterben lassen, so daß eure Frauen zu Witwen und eure Kinder zu Waisen werden. – 24 Wenn du jemandem aus meinem Volk, einem Armen, der neben dir wohnt, Geld leihst, so sollst du dich nicht als Wucherer gegen ihn benehmen: ihr sollt keine Zinsen von ihm fordern. Gott hat Mitleid mit den Armen.

 

Die Armen haben das Recht zu ihrer Versorgung auf Nachlese auf den abgeernteten Feldern oder auch den Ertrag dessen, was in einem Brachjahr wächst Das Gesetz fordert, den Zehnten alle drei Jahre als Armensteuer zu verteilen. Eine ganze Reihe von Wirtschaftsgesetzen dient dazu, Prozesse der Verarmung zu verlangsamen oder ganz zu verhindern. Dazu gehören das Zinsverbot, Beschränkungen bei der Pfandnahme und die Einschränkung der Schuldsklaverei auf sechs Jahre.

 

Das Almosenwesen gewinnt an Bedeutung, da trotz allem die Armut immer mehr zunimmt. Almosen heißt auch heute noch „Gerechtigkeit“, denn die Armen haben einen Anspruch darauf.

 

Da trotz aller Maßnahmen die Armut im Lauf der Geschichte des alten Israel eher zu- als abnimmt, gewinnt das Almosenwesen zunehmend an Bedeutung. Dabei heißt „Almosen“ im hebräischen – so bis heute in den jüdischen Gemeinden – „Gerechtigkeit“. Auf das, was die Armen erhalten, haben diese ein Recht, das „Recht der Armen“. Die Gabe für die Armen ist kein Akt der Gnade, sondern ein Akt der der Gerechtigkeit. Dennoch bleibt die Gefahr  der persönlichen Abhängigkeit, wenn die Gaben personbezogen gegeben werden. Wohl aus diesem Grund wurde schon in hellenistischer Zeit die Armenfürsorge als  eine„Aufgabe der Gemeinde“ verstanden. Am Tempel wird eine Armenkasse eingerichtet, die das Vorbild der Armenversorgung in den Synagogen und später den christlichen Gemeinden wurde. Das so genannte „Recht der Armen“ kann auch erstritten werden. 9 Verflucht, wer das Recht der Fremden, die Waisen sind, und das der Witwen beugt. Und das ganze Volk soll rufen: Amen. So steht es  in Deuteronomium 27,19..

 

1. 5. Zusammenfassung Armut in Israel

Armut war ein präsentes Phänomen.  Die Ursachen lagen vor allem in der Ausbeutung durch andere. Bestimmte Bevölkerungsgruppen, so die Tagelöhner, waren deshalb in der Regel arm. Arme hatten einen gesellschaftlichen Schutz. Sie hatten das Recht auf Almosen, dies war ein Frage der Gerechtigkeit. Insbesondere nahm Gott sich der Armen an und hatte Mitleid mit ihnen. Utopien – wie das Jubeljahr – wiesen daraufhin, dass eigentlich eine gerechte Gesellschaft gewollt war.

 


 

1.     Armut im Neuen Testament

1.1  Jesus aus bescheidenen Verhältnissen

Jesus selbst kam aus bescheidenen Verhältnissen. Seine Geburt in einem Stall symbolisiert dies in besonderer Weise. Josef war „Zimmermann“, wie es zumeist wiedergegeben wird, wir würden eher sagen „Häuslebauer“, denn die Häuser der einfachen Leute waren keine großartigen Einrichtungen.

 

1.2  Den Armen eine frohe Botschaft zu verkünden

In seiner Antrittspredigt wendet er sich in besonderer Weise an die Armen, indem er Jesaja zitiert und dies auf sich bezieht. Lukas 4,16-22: 16 So kam er denn auch nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, ging dort nach seiner Gewohnheit am nächsten Sabbattage in die Synagoge und stand auf, um vorzulesen. 17 Da reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja; und als er das Buch aufrollte, traf er auf die Stelle, wo geschrieben steht (Jes 61,1-2; 58,6): 18 »Der Geist des Herrn ist über mir (oder: ruht auf mir), weil er mich gesalbt (= ausgerüstet) hat, damit ich den Armen die frohe Botschaft bringe; er hat mich gesandt, um den Gefangenen die Freilassung und den Blinden die Verleihung des Augenlichts zu verkünden, die Unterdrückten in Freiheit zu entlassen, 19 ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen.« 20 Nachdem er dann das Buch wieder zusammengerollt und es dem Diener zurückgegeben hatte, setzte er sich, und aller Augen in der Synagoge waren gespannt auf ihn gerichtet. 21 Da begann er seine Ansprache an sie mit den Worten: »Heute ist dieses Schriftwort, das ihr soeben vernommen habt, zur Erfüllung gekommen!«

22 Und alle stimmten ihm zu und staunten über die Worte der Gnade (oder: über die holdseligen Worte), die aus seinem Munde kamen, und sagten: »Ist dieser nicht der Sohn Josephs?«

 

 

2.3 Für Jesus ist Gott der Anwalt der Armen

 

Jesus stellt Gott als Anwalt der Armen dar, diesen vertritt er in seiner Botschaft. Im Lukas-Evangelium Kapitel 4-19, die das Wirken Jesu von der Taufe bis vor der Passion beschreiben, geht es in einem Fünftel der Verse um Geld und Besitz, sehr oft im Sinne des rechten Umganges damit.  Jesus hat den reichen Jüngling in Markus 10,17-27 unmissverständlich aufgefordert, seinen ganzen Besitz zu verkaufen und den Armen zu geben. Der Lohn ist schließlich ein Schatz im Himmel, was will man mehr...Jesus antwortete ihm: 21  Jesus blickte ihn an, gewann ihn lieb und sagte zu ihm: »Eins fehlt dir noch: gehe hin, verkaufe alles, was du besitzest, und gib (den Erlös) den Armen: so wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!« 22 Er aber wurde über dies Wort unmutig und ging betrübt weg; denn er besaß ein großes Vermögen.

23 Da blickte Jesus rings um sich und sagte zu seinen Jüngern: »Wie schwer wird es doch für die Begüterten sein, in das Reich Gottes einzugehen!« 24 Die Jünger waren über diese seine Worte betroffen, Jesus aber wiederholte seinen Ausspruch nochmals mit den Worten: »Kinder, wie schwer ist es doch [für Menschen, die sich auf Geld und Gut verlassen], in das Reich Gottes einzugehen! 25 Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgeht, als daß ein Reicher in das Reich Gottes eingeht.« 26 Da erschraken sie noch weit mehr und sagten zueinander: »Ja, wer kann dann gerettet werden?« 27 Jesus blickte sie an und sagte: »Bei den Menschen ist es unmöglich, nicht aber bei Gott; denn bei Gott ist alles möglich.« (1.Mose 18,14)

Reichtum ist ein Hindernis für den Weg zu Gott. Aber Gott kann auch den Reichen berufen, dazu gehört, in besonderer Weise für die Armen da zu sein.

1.3  Jesus und das Reich Gottes

Jesus von Nazaret hat nach den Evangelien des Neuen Testaments das Reich Gottes als „nahe herbeigekommen“ Markus 1,15 Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!

In diesem  Satz fasst Markus den die Botschaft Jesu zusammen..

Das Reich Gottes ist im Sinne der Schrift ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens. Es will vor allem auch soziale Gerechtigkeit für alle bringen. Deswegen nennt Jesus sein Evangelium auch „eine frohe Botschaft für die Armen.“

 

2.4 Die Armen im Endgericht

Matthäus 25, 31 »Wenn aber der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen; 32 alle Völker werden alsdann vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet; 33 und er wird die Schafe zu seiner Rechten, die Böcke aber zu seiner Linken stellen. 34 Dann wird der König zu denen auf seiner rechten Seite sagen: ›Kommt her, ihr von meinem Vater Gesegneten! Empfangt als euer Erbe das Königtum, das für euch seit Grundlegung der Welt bereitgehalten ist. 35 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gereicht; ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt; 36 ich bin ohne Kleidung gewesen, und ihr habt mich gekleidet; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht; ich habe im Gefängnis gelegen, und ihr seid zu mir gekommen.‹

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten: ›Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeist? Oder durstig und haben dir zu trinken gereicht? 38 Wann haben wir dich als Fremdling gesehen und haben dich beherbergt? Oder ohne Kleidung und haben dich bekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?‹ 40 Dann wird der König ihnen antworten: ›Wahrlich ich sage euch: Alles, was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.‹

41 Alsdann wird er auch zu denen auf seiner linken Seite sagen: ›Hinweg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bereitet ist! 42 Denn ich bin hungrig gewesen, aber ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich bin durstig gewesen, aber ihr habt mir nichts zu trinken gereicht; 43 ich bin ein Fremdling gewesen, aber ihr habt mich nicht beherbergt; ohne Kleidung, aber ihr habt mich nicht bekleidet; krank und im Gefängnis (habe ich gelegen), aber ihr habt mich nicht besucht.‹ 44 Dann werden auch diese antworten: ›Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig, als einen Fremdling oder ohne Kleidung, wann krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht gedient?‹ 45 Dann wird er ihnen zur Antwort geben: ›Wahrlich ich sage euch: Alles, was ihr einem von diesen Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.‹ 46 Und diese werden in die ewige Strafe gehen, die Gerechten aber in das ewige Leben.« (Dan 12,2)

 

An unserer Haltung zu en Armen entscheidet sich unser ewiges Leben. Wie aber Handeln?

 

 

 

 

2.5 Handlungsperspektiven

 

2.5.1 Theologie der Befreiung

In der Theologie der Befreiung (Exodusmotiv: basierend auf dem Gedanken der Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Knechtschaft) wurde der Begriff der grundsätzlichen Option der Kirche für die Armen eingeführt, der inzwischen in der katholischen Soziallehre Allgemeingut geworden ist. Es geht jetzt darum, Strategien zu entwickeln, wie diese Ungerechtigkeit zu Gunsten von mehr Gerechtigkeit für die Armen der Welt geändert werden kann, national und international. Hier werden die Ansätze der Bibel wieder deutlich. Dazu bedarf es einer Förderung der Tugend der Gerechtigkeit und deren Zuschärfung auf das Unrecht im sozialen Bereich und der Entwicklung von gerechteren Strukturen in der National- wie Weltgesellschaft. Diese Theologie hat die Option für die Armen befördert, dies heißt: In all unseren Handlungsüberlegungen müssen die Armen einen Vorrang haben.

In der Befreiungsbewegung überhaupt, rückte die Entwicklung an der Basis in den Blick, die von Objekten der Seelsorge zu den Handelnden werden. Die beiden lateinamerikanischen Synoden sind keine Synoden der Befreiungstheologe, eher einer Sozialpastoral, die in ihrer Option für die Armen ein umfassendes befreiendes Evangelium wie Jesus verkündigen und zugleich auch leben will. Sie wollen auf den "Schrei der Armen" reagieren, indem sie gemeinsam mit diesen für Gerechtigkeit eintreten.

Angesichts der Schwierigkeiten vor denen wir heute stehen, ist es nicht verfehlt, von Strukturen der Sünde" zu sprechen die "in persönlicher Sunde ihre Wurzeln haben und daher immer mit konkreten Taten von Personen zusammenhängen, die solche Strukturen herbeiführen, sie verfestigen und es erschweren, sie abzubauen . Die zwei "bezeichnendsten" Verhaltensweisen bzw. "Strukturen der Sünde" sind ,,die ausschließliche Gier nach Profit" und "das Verlangen nach Macht". Nach der Wirtschaftkrise wissen wir wieder neu, was da bedeutet.

So im Soziales Weltrundschreiben "Sollicitudo rei socialis" 1987 Nr.42 vom Johannes Paul II.. : Sünde" und "Strukturen der Sünde" sind Kategorien, die nicht oft auf die Situation der Welt von heute angewandt werden. Man gelangt aber nicht leicht zu einem tieferen Verständnis der Wirklichkeit, wie sie sich unseren Augen darbietet, wenn man der Wurzel der Übel, die uns bedrängen, nicht auch einen Namen gibt.

2.5.2 Die Reich Gottes Theologie

2.5.3  Die Gottesreichverträglichkeiten der Gesellschaft

1. Als erstes muss eine Option für das Leben gefordert werden. Das Reich Gottes ist das Reich des Lebens. Erfülltes Leben für alle Menschen ist gefragt. Alle Grundbedürfnisse sind zu befriedigen. Die Güter dieser Welt sind für alle bestimmt. Das Recht auf Eigentum ist diesem nachgeordnet. Damit müssen auch die Bedingungen für das Leben erhalten werden.

2. Die Option für das Leben schließt auch die Natur und kommende Generationen ein.

3. Die Gottes Reich verträgliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft in der alle Platz haben. Alle Diskriminierungen sind aufgehoben. Alle sind wie zum großen Gastmahl eingeladen. Jeder hat Platz am Tisch der Gesellschaft.

3. Gleichberechtigung für die Frauen ist gefordert. Frauen dürfen weder ökonomisch noch politisch oder kulturell benachteiligt werden. Das ist in der Weltgesellschaft keineswegs der Fall, z.B. kontrollieren Männer weltweit 90% des Einkommens und 99% des in Geld gemessenen Vermögens.

4. Historische politische Projekte dürfen weder verallgemeinert noch verabsolutiert werden. Der eschatologische Vorbehalt der über allem liegt (erst im Himmel kommt die Vollendung) erweist solche Projekte immer als historisch. Wie lange hat man dafür gekämpft, dass die Monarchien absolut und unabänderbar seien, solche Vorstellungen gibt es in anderem Zusammenhang immer noch. Gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen müssen sich immer an der Gottesreichverträglichkeit prüfen lassen.

5. Gegenüber den Sachzwängen herrscht der Primat der Politik. Neoliberalismus kann z.B. nicht von sich behaupten, dass er nicht sozial durch die Politik kontrollierbar sei. Das gilt auch für die Weltgesellschaft.

6. Sogenannte Systemdynamiken dürfen nicht zu Spaltungen in der Gesellschaft führen, wie z. B zu einer drohenden "Zweidrittelgesellschaft". Gesellschaftliche Systemdynamiken müssen so angelegt sein, dass sie nicht ungleich-asymmetrische Verhältnisse fördern, sondern egalitär(gleiche)-symmetrische.

7. Es geht darum wie Johannes Paul II. sagt: "...der Globalisierung des Profits und des Elends eine Globalisierung der Solidarität entgegenzuhalten..." Wer daran glaubt, dass die Mitte der Botschaft Jesu die Predigt vom Reiche Gottes ist, der wird sich für seine Gerechtigkeit für und auf dieser Erde einsetzen. Das Reich will in allen Gegenkräften dieser Welt durch uns sichtbar werden, wir können uns vertrauend darauf einlassen, dass ein solches Wirken das sinnvollste ist, trotz aller Probleme und Rückschläge, weil Gott die Vollendung schenkt.

8. Vor allem muss darauf geachtet werden, dass Hilfe, Hilfe zur Selbsthilfe ist.

2.5.4 Konkrete Schritte der Deutschen Kirchen

Konkrete Schritte müssen auf vielen Ebenen gegangen werden. Sie fangen in Familie und Nachbarschaft an, gehen über weitere Bereiche bis auf die Nation und heute besonders auf die Globalisierung.

Armut ist in unserer Umgebung vorhanden, bei den Kindern und Familien und bei vielen anderen. Hier in national sind vor allem Caritas und Diakonie tätig. Viele andere Initiativen widmen sich diesen Aufgaben.

Immer bedeutender wird die Frage nach der Globalisierung. Hier helfen die Kirchen vor allem durch ihre Werk, Brot für die Welt, Misereor, Renovabis und Adveniat. Hier wird großartige Arbeit geleistet. Es kommt auch darauf an, die Politik in dieser Richtung zu beeinflussen. Die Armut in der Welt darf nicht weiter wachsen.

All das reicht noch nicht aus, es muss im Sinne Jesu noch mehr getan werden. Wir alle sind um der Glaubwürdigkeit des Evangeliums herausgefordert. Die Option für die Armen ist eine Aufforderung an uns, im Sinne der Gedanken des Reiches Gottes zu arbeiten.

Home

 

Mail

 

Geändert:27.06.10  Dr. Ernst Leuninger