Aus der Finanzkrise eine Chance machen (4.4.2009)

Finanzkrise 2008/2009

Aus der Finanzkrise eine Chance machen (4.4.2009)

Wir leben in seit Mitte der 80er Jahre in einer weltweiten Finanzkrise, die inzwischen auch zu einer Wirtschaftskrise geworden ist. Das vorherrschende System des Neoliberalismus ist zum Raubtierkapitalismus entartet und nahezu in sich zusammengebrochen. Das gab es historisch schon öfter seit dem Zeitalter der Industrialisierung.

Das erste war die „Gründerkrise“ 1873. 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet. Die ersten beiden Jahrzehnte waren durch die so genannte Gründerkrise geprägt. Entstanden war sie durch enorme Ausweitung der Kapazitäten und bessere Ausnutzung derselben. Es kam zu Überangeboten, Preisverfall und Investitionsrückgang. Auf dem Weltmarkt zeigten sich ähnliche Erscheinungen. Hinzu kamen noch die Reparationsleistungen aus Frankreich, davon schafften etwa 2,5 bis 3 Milliarden ein Ungleichgewicht an den Börsen. Die Gründerkrise ging aber von der Franko-Ungarischen Bank in Budapest aus und erfasste das ganze System, in den USA vor allem die Eisenbahnwerte. Sie war auch Teil einer Überspekulation. Von 1872 auf 73 trat an den deutsche Börsen ein Kursverfall von 46% auf. Trotzdem nahmen die Beschäftigtenzahl und das Volkseinkommen in Deutschland zu.

Man versuchte die in Deutschland oft auch überhöhtem Preis durch Schutzzölle zu sichern. Es entstanden unter dem Druck der Krise Interessenvertretungen wie Kartellverbände, Preisabsprachen, Arbeitgeberverbände. Betroffen waren vor allem das Textil- und benachbarte Gewerbe, obwohl immer noch das wichtigste Gewerbe, die anderen steigerten weiter. Für die Agrarpreise wurden unter dem Druck des Weltmarktes Schutzzölle genommen.

Man kann von 1873 - 1893 von einer gewissen wirtschaftlichen Stagnation sprechen, die die Gründerkrise genannt wird. Es kann nicht von einem langen Depressionstal der deutschen Wirtschaft gesprochen werden, der ursprüngliche Schwung war weg. Die Triebkräfte des Eisenbahnbaus reichten nicht mehr allein aus. Trotzdem kam es aber dann doch zu einem kontinuierlichen Weitersteigen der Wirtschaft bis 1914. 1893/95 kam eine neue Triebkraft. Damals wurde die Elektrizitätserwertung die neue Lokomotive vor dem Zug der deutschen Wirtschaft. Es kam zu einem zweiten Spurt. Der Automobilbau mit der Gründung von Daimler-Benz begann 1890. Großbritannien wurde überholt und Deutschland zur führenden Industriemacht Europas. Neue Technologien halfen die Krise zu beenden.

Der erste Weltkrieg forderte zahlreiche Menschenleben, er war auch ein sehr teurer Die Staatsanleihen zur Rüstungspläne überforderten da Wirtschaftssystem. Hinzu die Reparationszahlungen. Die deutsche Wirtschaft erlitt hohe Einnahmeverluste. Zu Spitzenzeiten der Inflation herrschte ein Verhältnis von 1:10 zwischen Staatseinnahmen und Staatsausgaben. Im Dezember 1918 kostete ein Dollar noch 8 Reichsmark, am 20. November 1923 zahlte man für einen Dollar 4,2 Milliarden Reichsmark. Im November wurde die Rentenmarkt eingeführt und die Inflation währungstechnisch gestoppt. Der Wechselkurs von Papiermark zu Reichsmark betrug 1.000.000.000.000:1. Dies war aber mehr eine Deutschlandinterne Krise.

Die nächste Weltwirtschaftskrise folgte mit dem Börsenkrach am 23. Oktober 1929, dem sogenannten schwarzen Freitag. Die Produktion war in den außereuropäischen Ländern während des Ersten Weltkrieges massiv gesteigert worden. Als die Wirtschaft in Europa wieder ansprang kam es zu einem massiven Überangebot, das den Markt zusammenbrechen ließ. Zu der Überproduktion kam nach die kreditfinanzierte Massenspekulation. Aktien wurden zu horrenden Zinsen aufgenommen, als der Markt verfiel wurden diese abgestoßen und es kam zum Crash. Die USA produzierten die Hälfte aller industriellen Güter und dadurch breitete sich die Krise schnell weltweit aus.

Einer Finanz- und Wirtschaftskrise nach dem zweiten Weltkrieg wurde rechtzeitig im Vorfeld 1944 in Bretton Wood abgefangen. Dort in den USA wurde am 22. Juli festgelegt, dass das Finanzsystem nach dem Krieg auf dem goldhinterlegten US-Dollar als Leitwährung basieren sollte, es wurde das System der festen Wechselkurse begründet, 44 Saaten waren daran beteiligt, Deutschland trat 1949 bei. Die Organisationen wurden die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF). Die Währungsreform in den drei westlichen Zonen Deutschlands vom 21. Juni 1948 trug massiv zum wirtschaftlichen Aufbau Deutschlands nach dem Krieg bei. Hinzu kam auch das Londoner Schuldenabkommen von 1953. Die Vorkriegs- und Nachkriegsschulden Deutschland wurden auf etwa 13 Milliarden DM reduziert, 70 Staaten waren daran beteiligt. Über Reparationen sollte erst bei einem Friedensvertrag gesprochen werden, der nie kam. 1990 wurde stattdessen der Zwei-plus-Vier-Vertrag unterzeichnet. Der wirtschaftliche Aufschwung West-Deutschlands war dann auch vor allem für die europäische und deutsche Einigung wichtig.

Dies war eine kurze Einführung in die Wirtschaftkrisen seit der Industrialisierung. Krise bedeutet vom Wort her „Scheidung“ und damit auch entscheidende Wendung. Nimmt eine negative Entwicklung aus Dauer ihren Lauf kommt es zur Katastrophe (wörtlich so wie Niedergang). Ob es sich um einen echten Wendepunkt handelte, kann erst nach der Beendigung einer Krise festgestellt werden. Die Wende kann zu einer Katastrophe führen oder als Chance und Herausforderung für einen Neubeginn gesehen werden.

Die Regierungen versuchen kurzfristig die schlimmsten Probleme zurzeit durch massive Finanzspritzen zu lösen und damit zuerst einmal die völlige Katastrophe zu verhindern. Langfristig muss das Finanzsystem von der reinen Spekulation auf Prinzipen des Gemeinwohls und der sozialen Gerechtigkeit umgestellt werden. Wirtschaft hat allen Menschen zu dienen und nicht nur einen wenigen Spekulanten. Die internationale Gemeinschaft muss Wege finden, die Finanzmärkte zu kontrollieren, eine rein nationale Kontrolle ist nötig aber reicht bei weitem nicht aus.

Im Londoner Weltfinanzgipfel der G20 April 2009 einigte man sich darauf, dass kein Finanzmarktprodukt, kein Teilnehmer und kein einziger Finanzmarkt mehr unreguliert und unbeaufsichtigt bleiben wird, einschließlich der Rating-Agenturen und der Hedgefonds. Es muss ein schärferes Regelwerk für die Finanzmärkte eingeführt werden und die strauchelnden Staaten und der Welthandel erhalten eine Finanzsprite von einer Billion Dollar. Steueroasen sind zu brandmarken. Das dürfen aber nur die ersten Schritte sein.

Es kommt jetzt darauf an, dass diese Beschlüsse national und international auch umgesetzt werden und die entsprechenden Kontrollinstanzen gefunden werden. Es darf nicht sein, dass die Wirtschaft vor allem in den armen Ländern zusammenbricht und Armut, Hunger und Krankheit dort noch größer werden. So muss für eine Welt die Chance ergriffen werden, sie gerechter und humaner zu gestalten. Die Gedanken des weltweiten Gemeinwohls und der weltweiten Gerechtigkeit sind zu stärken. So könnte aus einer Krise die Chance für eine bessere Welt erwachsen. Hinzu kommt ein neuer Schub zum Beispiel für ökologisches Wirtschaften

Der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach S.J. sieht den Gipfel eher kritischer. Die Chance für den nötigen Neustart des Finanzkapitalismus sei auf dem G20-Gipfel verpasst worden. Grund sei die verengte Sicht der Staatslenker: Alle verglichen die Krise mit den 30er Jahren, aber niemand denkt an die Chancen von 1944 (Bretton Wood), 1948 (Währungsreform) oder 1989 (Zusammenbruch des Ostblocks).

Autor: Ernst Leuninger, Limburg 6. April 2008.

 

 


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