Themen und Termine
| 1. |
"Es lebe das ICH!" Religion in Eigenregie
Einführungsveranstaltung zur Seminarreihe |
Freitag, den 27.10.2000, 14.15-17.30 |
| 2. |
Religion jenseits der
"Gnadenanstalt"
Herausforderungen für die Kirche(n) |
Freitag, den 03.11.2000, 14.15-17.30 |
| 3. |
Nichtkirchliche
Religiosität: Eine Spurensuche
Religion auf dem Markt der
Medien |
Freitag, den 10.11.2000, 14.15-17.30 |
| 4. |
"Was Gott ist, bestimme ich"
Christliche Religion in der Multioptionsgesellschaft |
Freitag, den 17.11.2000, 14.15-17.30 |
| 5. |
"Couch statt Beichte"
Psychotherapie als Erbe der Religion? |
Freitag, den 01.12.2000, 14.15-17.30 |
| 6. |
Orientierung in einer
orientierungslosen Zeit
Impulse für die Pastoral |
Freitag, den 15.12.2000, 14.15-17.30 |
1 "Es lebe das ICH!" Religion in Eigenregie
Einführungsveranstaltung zur Seminarreihe Freitag, den 27.10.2000, 14.15-17.30
Einführung zu den Themen der Seminarreihe
Der Anspruch auf ein Leben in Eigenregie bestimmt heute immer mehr die Einstellung der
Menschen. Dabei entdeckt sich das ICH als "König" seiner selbst: "Auf
Obrigkeiten wird gepfiffen!" - Von daher heißt es nicht länger "Vive le
roi" - "Es lebe der König", sondern nunmehr: "Vive le moi!" - Es
lebe das ICH.
Dieser Anspruch auf Selbststeuerung des Lebens betrifft unmittelbar das Verhältnis zur
Religion und zeitigt deutliche Auswirkungen auf die Kirche(n). Diese Veranstaltungsreihe
ist eine Problemanzeige und zugleich eine Entdeckungsreise; sie lädt dazu ein, die bunte
religiöse Landschaft in Deutschland gleichsam aus der Vogelperspektive zu erkunden. Bei
dieser "Flugreise" vermitteln die Instrumente der Religionssoziologie Einblicke
in die gewaltige "Erosion der Gnadenanstalt" (M.N. Ebertz). Danach verliert die
Überzeugung, daß die Kirche "für mein persönliches Heil Sorge trägt", an
gesellschaftlicher Akzeptanz. Der sich abzeichnende Wandel der Sozialgestalt von Kirche
offeriert gesamtgesellschaftlich gesehen einen neuen Zugang zur Religion in der
"Multioptionsgesellschaft" (P. Gross): "Was Gott ist, bestimme ich!"
lautet von daher das Credo einer "multi-choice"-Gesellschaft, die das moderne
Leben unter der Vorgabe von Entgrenzung und Wahlhandeln bestimmt. Unter diesen
gesellschaftlichen Bedingungen entstehen neue Zugänge zu einer nichtkirchlichen
Religiosität: Erlebnis als Religion, Musik als Religion, Psychotherapie als Religion -
all dies offenbart neue Gesichter der Religion und damit "Sinnsuche jenseits der
Kirchen" (H. Kochanek). Im Sinne der "Gretchenfrage": "Nun sag, wie
hast du`s mit der Religion?" (Goethe, Faust) leitet dieses Seminar dazu an, eine
eigene christliche Identität und damit Orientierung in einer orientierungslosen Zeit zu
gewinnen.
Ziele
In diesem sechsteilige Seminar wollen wir uns im Rahmen des Kontaktstudiums mit dem
wachsenden Anspruch auf ein Leben in Eigenregie auseinandersetzen und mit Ihnen darüber
nachdenken und diskutieren, welche Bedeutung die religiöse Pluralität in der
gegenwärtigen Gesellschaft für das kirchliches Handeln haben. Es ist dabei auch daran
gedacht, wenn Interesse besteht, für die eigene Praxis den Verlauf von Seminareinheiten
zu planen. Darüber hinaus vermittelt diese Veranstaltungsreihe Kriterien und Perspektiven
als Orientierung für die eigene christliche Identität.
Arbeitsweisen
Kurzreferate, Medienimpulse, kritische Reflexion der Positionen, teilnehmerorientierter
Praxistransfer.
Verlauf der Einführungsveranstaltung
14.15 Eröffnung, Begrüßung, Vorstellungsrunde
14.30 Religion in Eigenregie - Erste Erkundung
15.45 Pause
16.15 Informationen zum Aufbau der Seminareinheiten
16.45 Vergabe der Referate/Seminararbeiten
17.30 Ende
Literatur zur Einführung - Eine Auswahl
- Barz, Heiner: "Meine Religion mach ich mir selbst!", in: Psychologie heute 22
(1995) H. 7 (Juli), S. 20-27.
- Barz, Heiner: Religion ohne Entscheidung. Sendung Glaubensfragen, 20.08.2000: www.swr.de
- Dalferth, Ingolf U.: "Was Gott ist, bestimme ich!" Theologie im Zeitalter der
"Cafeteria-Religion", in: Theologische Literaturzeitung 121 (1996) Nr. 5, S.
415-430.
- Hofmeister, Klaus (Hg.): Die Zukunft der Religion, Würzburg 1999.
- Kochanek, Hermann (Hg.): Ich habe meine eigene Religion. Sinnsuche jenseits der Kirchen,
Zürich/Düsseldorf 1999.
2 Religion jenseits der
"Gnadenanstalt"
Herausforderungen für die Kirche(n) Freitag, den 03.11.2000, 14.15-17.30
Einführung zum Thema
Religion ist keineswegs im Schwinden begriffen. "Nicht Verfall, sondern Fortbestand
in Verwandlung des 'Religiösen' ist die Perspektive", so jedenfalls lautet die
Diagnose von Michael N. Ebertz. Von diesem Wandel ist die Kirche unmittelbar betroffen,
wie der Freiburger Religionssoziologe in seinen beiden Studien "Kirche im
Gegenwind" und "Erosion der Gnadenanstalt?" aufzeigt.
In dieser Seminareinheit "Religion jenseits der Gnadenanstalt" werden (a) die
religionssoziologischen Beobachtungen zum Umbruch der religiösen Landschaft, die sich
seit Ende der sechziger Jahre in Deutschland abzeichnen, vorgestellt. Daran anknüpfend
kommen (b) die massiven Herausforderung und der damit einhergehende Wandel der
Sozialgestalt von Kirche zur Sprache. Im Sinne eines "Werkstattgespräches"
werden (c) die pastoralsoziologischen Optionen von M.N. Ebertz zu einer
"Kommunikationspastoral" diskutiert.
Verlauf
14.15 Eröffnung, organisatorische Absprachen
14.30 Referat: Wandel der Sozialgestalt von Kirche
15.00 Referat: Welche Kirche braucht das ICH?
15.30 Rückfragen
15.45 Pause
16.00 Gruppenarbeit: Kritische Auseinandersetzung
17.00 Plenum: Gesprächsergebnisse vorstellen
17.30 Ende
Literatur zu diesem Seminarblock
Referat: Wandel der Sozialgestalt von Kirche
- Ebertz, Michael N.: Kirche im Gegenwind, Freiburg i.Br. 1997.
- Ebertz, Michael N.: Erosion der Gnadenanstalt. Zum Wandel der Sozialgestalt von Kirche,
Frankfurt a.M. 1998.
- Dubach, Alfred u.a. (Hg.): Jede/r ein Sonderfall? Religion in der Schweiz, Basel2
1993.
- Dubach, Alfred u.a. (Hg.): Aussicht auf Zukunft. Kommentare zur Studie "Jede(r) ein
Sonderfall?", Band 2, Basel 1997.
- Gabriel, Karl: Christentum zwischen Tradition und Postmoderne, Freiburg i.Br.3
1994.
- Jörns, Klaus, Peter: Die neuen Gesichter Gottes, München2 1999.
- Kehl, Medard: Wohin geht die Kirche. Eine Zeitdiagnose, Freiburg i.Br. 1996.
- Krüggeler, Michael u.a. (Hg.): Ein jedes Herz in seiner Sprache ... Kommentare
zurSonderfall-Studie, Band 1, Basel 1996.
- Nüchtern, Michael: Kirche in Konkurrenz. Herausforderungen und Chancen in der
religiösen Landschaft, Stuttgart 1997.
Referat: "Welche Kirche braucht das ICH?"
- Ebertz, Michael N.: Von der Pfarrkirche zur Kommunikationskirche, Generalvikariat Essen
(Hg.): Werkstattgespräche Gemeindebilder, Essen 2000.
- Höhn, Hans-Joachim: Zerstreuungen. Religion zwischen Sinnsuche und Erlebnismarkt,
Düsseldorf 1998, S. 53-57; 110-117.
- Kochanek, Hermann: Spurenwechsel, Freiburg 1998, S. 26-36; 55-71.
- Schulze, Gerhard: Die Erlebnisgesellschaft, Frankfurt a.M. 1993.
- Koch, Heiner: Kirche in der Erlebnisgesellschaft, Kath. Sozialwissenschaftl.
Zentralstelle Mönchengladbach (Hg.): Kirche und Gesellschaft, Nr. 217.
3 Nichtkirchliche
Religiosität: Eine Spurensuche
Religion auf dem Markt der Medien Freitag, den 10.11.2000, 14.15-17.30
Einführung zum Thema
Religion und Medien ist eine Thema, das so alt ist wie die Medien selbst. Hieroglyphen,
Tontafeln, Schriftrollen, Pergamente werden zu Trägern religiöser Texte. Sie sichern die
Texte und verbreiten sie zugleich, vor allem von dem Zeitpunkt des Buchdrucks ab. Mit den
elektronischen Medien setzt eine neue Revolutionierung ein über Telefon, Rundfunk, Film
und Fernsehen. Diese Medien wurden von der Kirche oft kritisch betrachtet, ehe sie auch
die Chancen sah.
Das Internet stellt eine neue Form der Mediennutzung dar. Es verbindet verschiedene
mediale Techniken vom Lesen und Schreiben über Telefon und analoger Darstellung von
Informationen mit dem Computer. Es ist von der Gestaltung her ein demokratisches Medium,
weil jeder hier veröffentlichen kann.
In dieser Seminareinheit soll es weniger um den theoretischen oder auch
gesellschaftskritischen Zusammenhang gehen, sondern um die Möglichkeiten dieses Mediums
als kommunikatives Medium auch im Dienst der Kirche.
Im ersten Teil geht es um die Darstellung der Möglichkeiten des Internet in einem Bereich
der Kirche. Gewählt werden kann z.B. Theologiestudium, Religionsunterricht oder sogar die
Darstellung einer eigenen Homepage, die vorhanden ist und für diese Seminar ergänzt wird
oder z.B. mit Freespace neu erstellt wird. Der Seminarleiter, Prof. Dr. theol. habil.
Ernst Leuninger, ist zur Mithilfe bereit. Seine Homepage über die katholische Soziallehre
(http://www.leuninger.de
) könnte anregen.
Im 2. Teil werden wir mit Herbert Leuninger auf dessen Homepage http://www.proasyl.de
surfen, eine umfangreiche Seite mit über 1200 Zugriffen am Tag.
Verlauf
14.15 Eröffnung, organisatorische Absprachen
14.30 -14.45 Einführung in das Thema Internet und Religion an
einem Arbeitsfeld mit Darstellung und Rückfragen
Mögliche Stichworte
· Internet eine neue
Kommunikationsform
· Möglichkeiten und
Anfragen
· Religion und
Internet
· Darstellung an
einem Feld
Der Vortrag soll möglichst auch mit neuen Medien
erfolgen (Internet und Powerpoint)
15.45 Pause
16.00 17.30 Zum Beispiel: Herbert Leuninger surft mit uns in einer
Homepage über Asylarbeit ein, die ca. 1200 x am Tag abgefragt wird. (http://www.proasyl.de)
(Bitte für Anschluss ISDN und Notebook in Absprache mit dem Leiter
der Einheit sorgen, dieser wird ein Notebook und einen PC-Beamer
mitbringen.)
Links zu diesem Seminarblock
Recherche im Internet z.B. unter:
http://www.kath.de
http://www.vatican.va
http://www.dbk.de
http://www.schule-und-hochschule.de (Ordinariat Limburg)
Glaube und Kirche im Internet - kommentierte Links für Neugierige,
Sinnsucher und kirchlich Engagierte http://home.t-online.de/home/Kath.Pfarrei-AltdorfbNbg/glaubens.htm
Religion - digitales Religionsbuch: http://www.hblw4.asn-wien.ac.at/religion/relilinks.htm
Religionsunterricht: http://www.wohlmuth.net/links/Unterricht/klg-rel.htm
Netburger Medienpool: http://www.netburger.at/
Autobahnkirche. Interessante Informationen der katholischen
Glaubensinformationen: http://www.autobahnkirche.de
oder unter den Stichwörtern: Religion, Religionsuntererricht, usw.
in einer Suchmaschinen z.B. http://www.altavista.de
Zu lesen - Internet - Pastoral: http:// www.leuninger.de suche im Inhaltsverzeichnis unter Lesen
Literatur zu diesem Seminarblock
- Mertin, Andreas: Internet im RU. Göttingen 2000.
- Nethöfel, Wolfgang; Tiedemann Paul, Internet für Theologen
- Striegl, Sonja: Jesus goes Internet, 6.12.1998, http://www.swr2.de/service/manuskriptdienst/glaubensfragen.html.
- Schilson, Arno: Medien als Religion?,
in: Kochanek, H.: Ich habe meine eigene Religion. 130-157.
Weiterer Literaturangaben unter Informationen für
Religonslehrerinnen und Religionslehrer 2/2000 Bistum Limburg im Internet unter: http://www.schule-und-hochschule.de/html_informationen12000.htm
Allgemeine Literaturrecherche unter: http://opac.ub.uni-tuebingen.de
(Sondersammelgebiet Theologie)
Exkurs für Seminararbeiten
Der propagierte Untergang der Religion blieb
aus. Sie erlebt heute so etwas wie eine Renaissance; jedoch unter ganz neuen Vorzeichen:
Ich habe meine eigene Religion" (H. Kochanek) lautet der Anspruch. Religion
erscheint vielgestaltiger und nicht immer gleich als religiös erkennbar. Angesichts
dieser diffusen religiösen Landschaft begeben wir uns auf die Suche ausschnitthaft
nichtkirchliche Religiosität aufzuspüren. Eine
Darstellung könnte am Thema Internet erfolgen: Einführung in ein
Feld des Internet mit Darstellung und Rückfragen
Mögliche Stichworte
· Internet eine neue Kommunikationsform
· Möglichkeiten und Anfragen
· Religion und Internet
· Darstellung an einem Feld
z.B. Religionsunterricht (Literatur siehe oben)
Themen zur Auswahl
- Gohla, Holger: Gott im Stadion? - Sport als
Religionsersatz, Hörfunkbeitrag des HR 2 (12.9.00).
- Mieth, Dietmar: Sport als Religion, in: H.
Kochanek: Ich habe meine eigene Religion, 82-129.
- Sellmann, Matthias: Schalke unser.
Popreligion als Herausforderung für theologische Bildung, in: Erwachsenenbildung (2000)
Nr. 2. Der Aufsatz ist abrufbar unter:
- Sport als Religion: http://www.rpi.at/wien/ sport_als_religion.htm
- Das
Schalke Unser": http://www.schalke-unser.de
TV als (m)ein Hausaltärchen?
- Höhn, Hans-Joachim: Die Medienreligion und
das Evangelium, in: HK 54 (2000) 291-296.
- Schilson, Arno: Das Fernsehen als
Hausaltar, in: Hofmeister, K.: Zukunft der Religion. S 155-168.
- Schilson, A.: Medien als Religion?, in:
Kochanek, H.: Ich habe meine eigene Religion.130-157.
- Thomas, Günter: Medien - Ritual -
Religion. Zur religiösen Funktion des Fernsehens, Ffm. 1998.
- Religion und Fernsehen, unter: http://www.kath.de/kfa/religion/bauer.htm
...
Musik als Religion
- Buschmann, G.: God is aDJ".
Techno-Religiosität, in: Medien Praktisch 24 (2000) H. 2, 53-58.
- Hurth, Elisabeth: Tanz um den Horn. Von der
Pop- zur Piep"-Religiosität, in: Medien Praktisch 23 (1999) H. 2, 48-53, http://www.gep.de/ medien praktisch/amedienp/mp2-99/2-99hurt.htm
- Schäfers, Michael: Jugend-Religion-Musik,
Münster 1999.
- Treml, H.: Spiritualität und Rockmusik,
Ostfildern 1997, darin: Rockmusik und Rel., 213-225.
- Walter, Meinrad: Jenseits aller
Kreativität: Musik als Religion?, in: Kochanek, H.: Ich habe meine eigene Religion,
232-252.
Religion in der Werbung
- Bahr, Petra: Medialer Balztanz, in:
Klie, Thomas (Hg.): Spiegelflächen, Münster 1999, 101-109.
- Beuscher, Bernd: Angebot und Nach-Frage,
in: Klie, Thomas (Hg.): Spiegelflächen, Münster 1999, 110-124.
- Bickelhaupt, Th.: Religion in der Werbung,
in: Das Münster 53 (2000) H.2 , 162-170.
- Bieritz, Karl-Heinrich: Kult-Marketing, in:
Klie, T. (Hg.): Spiegelflächen, Münster 1999, 33-50.
- Petersen, Lars: Theol. und
religionswissenschaftliche Interpretationsmuster zur Werbung, in: Heumann, J. (Hg.),
Religion in Alltags- und Gebrauchskulturen, Oldenburg 1998.
- Pirner, Manfred L.: Heilige Höschen.
Religion und Erotik in der Popularkultur, in: Religion heute (2000) H. 42 Juni, S. 92-97.
- Reichertz, Jo: RTL-Bibelclips. Christliche
Verkündigung als Werbespot, in: Honer, Anne: Diesseitsreligion, Konstanz 1999, 223-245.
4
Was Gott ist, bestimme ich"
Christliche Religion in der
Multioptionsgesellschaft Freitag, den 17.11.2000, 14.15-17.30
Einführung zum Thema
Die Grundlagen des gesellschaftlichen und
sozialen Zusammenlebens haben sich fundamental geändert. So verlaufen heute Biographien
nach anderen Regeln und unter anderen Gesetzen als noch vor zwei, drei Jahrzehnten: Auch
Religion wird zur Sache der eigenen Subjektivität.
Der Prozeß der Individualisierung erscheint
ambivalent. Zum einen ist damit eine Befreiung aus zwanghaft aufrechterhaltenen
Traditionen verbunden. Zum anderen geht damit auch der Verlust von umfassenden
Deutungsmustern einher.
Der Münchner Soziologe Ulrich Beck
beschreibt in seinen Analysen die Entwicklung der Individualisierung, ihre Chancen, ihre
Risiken und er schärft damit den Blick auf das eigene Leben.
Der in St. Gallen Lehrende Soziologe Peter
Gross greift die Überlegungen von U. Beck auf und wendet sich dabei der
Ich-Jagd" des Menschen zu: Das Individuum sucht Gott, nachdem sich kein
göttlicher Himmel mehr über die kopernikanische Erde breitet, in sich; es will nach
innen, sich selbst erlösen, seit es nicht mehr nach außen und oben kann. Als Moses den
Herrn nach seinem Namen fragt, erhält er die Antwort: Ego sum qui sum (Exod.
3,14), eine Antwort, die der moderne Mensch sich selber geben will: Ich bin der ich bin.
... Indem Ich sich will, trifft es statt auf sich selbst auf externalisierte,
selbstgeschaffene Befindlichkeits- und Zustandsbeschreibungen von sich und vielleicht ist
auch das absolute Ich bin der ich bin Gottes eine davon. Je tiefer es dringt, desto
tiefer wird die Tiefe. Es findet keinen Haltepunkt ... Was sich findet, ist ein Schwanken,
das Sausen und Brausen einer Gedankenfabrik, ein am Selbst orientiertes
Unternehmen. ... Erlöst sich das Ich? Wird Ich sich, sein wahres Ich finden und irgenwann
sagen können (wie Gott) »Ich bin der ich bin!« Oder ist das Unabhängigkeitsjahrhundert
des Ich, mehr denn je, eine Geschichte der Selbstverängstigung und
Selbstverzweiflung?" Und damit ein Jahrhundert der Ich-Jagd"? (P. Gross)
Mit den soziologischen Ansätzen von U. Beck
und P. Gross als Interpretament heutiger Lebenswirklichkeit geht es uns um Konsequenzen
für die Verortung von Leben und Glauben.
Literatur zu diesem Seminarblock
Referat: Anspruch auf eigenes Leben
- Beck, Ulrich u.a.: Eigenes Leben. Ausflüge
in die unbekannte Gesellschaft, in der wir leben, München 1997. (Dazu Tebartz-van Elst,
Franz-Peter: Gemeinde in mobiler Gesellschaft, Würzburg 1999, darin Kap. 3.1.6: Das
Projekt des Eigenen Lebens', 308-317
- Beck, Ulrich: Risikogesellschaft, in:
Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B36/89, 3-13.
- Schulze, Gerhard: Das Projekt des schönen
Lebens, in: Bellebaum, Alfred/Barheier, Klaus (Hg.): Lebensqualität, Opladen 1994, 13-39.
- Schulze, Gerhard: Die Erlebnisgesellschaft,
Frankfurt a.M. 1993.
- Schulze, Gerhard: Was wird aus der
Erlebnisgesellschaft?, in: Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B12/2000, 3-6.
Referat: Ich-Jagd in der
Multioptionsgesellschaft
- Gross, Peter: Ich-Jagd. Frankfurt a.M.
1999, 191-252.
- Gross, Peter: Individualisierung als
Verhängnis?, in: Karl Gabriel: Modernität und Solidarität (FS), Freiburg i.Br. 1997,
135-149.
- Höhn, Hans-Joachim: Glauben nach Wahl -
oder: Wie sind die Menschen heute religiös?, in: LS 49 (1998) 78-86.
- Höhn, Hans-Joachim: Gesellschaft im
Umbruch - Religion im Plural, in: Bitter, Gottfried (Hg.): Glauben lernen - Glauben
feiern, Köln 1998, 194-20, 194-207.
- Höhn, Hans-Joachim: Zerstreuungen,
Düsseldorf 1998, 117-157.
- Tebartz-van Elst, Franz-Peter: Gemeinde in
mobiler Gesellschaft, Würzburg 1999, 292-298, darin zum Paradigma
Multioptionsgesellschaft" von P. Gross.
5 Couch statt Beichte?
Psychotherapie als Erbe der Religion?
Freitag, 01.12.2000, 14.15-17.30
Thematischer Zugang
Wir leben in einer Kultur, in der das
Rationale wichtiger als das Emotionale und physische wie psychische Mobilität wichtiger
erscheint als Stabilität. Gleichzeitig verlieren Institutionen und vorgegebene
Glaubenssysteme an Bindungs- und Überzeugungskraft, so dass viele Menschen in den
christlichen Glaubensvollzügen keine Antwort auf ihre drängenden Lebensfragen mehr
finden. Unsicherheit, Erlebnisdefizite im emotionalen Bereich und Orientierungssuche
werden damit zu Kennzeichen heutiger Grundbefindlichkeit.
Längst ist die Psychoanalyse, deren
Begründer die Religion als Illusion und Religionsausübung als Zwangshandlung zu
entlarven versuchte, nicht mehr alleine in dem Anliegen, die Religion zu beerben.
Inzwischen steht für die klassischen Therapieverfahren eine neue Erbengeneration parat.
Deren Spektrum als potentieller Sinn- und Haltanbieter" ist mit rund
vierhundert unterschiedlichen Therapierichtungen allein in der westlichen Welt breit
gefächert. Mit diesen wiederum konkurrieren in Deutschland annährend 20 000 Geist- und
Wunderheiler, die Befreiung von fast jeglichem Leiden versprechen (vgl. Sonntag Aktuell,
18. Juni 2000). Gleichzeitig sind die sogenannten New-Age-Therapien zu einer
Massenerscheinung mit quasi-religiösen Züge geworden.
Angesichts des fast unüberschaubaren Marktes
von Anbietern, die dem postmodernen Ich psychische Heilung (und Heil) verheißen, richten
wir in diesem Seminarblock an die Psychotherapie (und an deren nahe und ferne Verwandten)
unsere Gretchenfrage": Nun sag, wie hast du`s mit der Religion?"
(Goethe, Faust).
Literatur zu diesem Seminarblock
Referat: Suche nach dem Ich -
Identitätsarbeit heute
- Bilden, Helga: Das Individuum-ein
dynamisches System vielfältiger Teil-Selbste, in: Keupp, Heiner/Höfer, Renate (Hg.):
Identitätsarbeit heute, Frankfurt 1998, 227-250.
- Dörner, Klaus: Leben als
Fragment". Die Politik der Lebensführung vom Anderen her, in: Wege zum Menschen 52
(2000) 128-141.
- Frielingsdorf, Karl: Vom Überleben zum
Leben, Mainz 1989, 16-54.
- Gawert, Johannes: Pflasterstrand. Haben wir
eine Chance, unsere Identität neu zu entwerfen?, in: Medien Praktisch 23 (1999) H.1, 2-3.
- Helsper, Werner: Das »postmoderne Selbst«
- ein neuer Subjekt- und Jugendmythos?, in: Keupp, Heiner/Höfer, Renate (Hg.):
Identitätsarbeit heute, Frankfurt 1998, 174-206.
- Keupp, Heiner: Diskursarena Identität:
Lernprozesse in der Identitätsforschung, in: Keupp, Heiner/Höfer, Renate (Hg.):
Identitätsarbeit heute, Frankfurt 1998, 11-39.
- Mikos, Lothar: Erinnerung, Populärkultur
und Lebensentwurf, in: Medien Praktisch 23 (1999) H.1, 4-8.
- Stierlin, Helm: Haltsuche in Haltlosigkeit.
Grundfragen der systemischen Therapie, Frankfurt 1997, 59-84.
- Straus, Florian/Höfer, Renate:
Entwicklungslinien alltäglicher Identitätsarbeit, in: Keupp, H./Höfer, R. (Hg.):
Identitätsarbeit heute, Frankfurt 1998, 270-307.
Referat: Psychotherapie und Seelsorge
- Funke, Dieter: Jenseits von Heilung:
Psychotherapie als Religion?, in: Kochanek, Hermann (Hg.): Ich habe meine eigene Religion,
Zürich/Düsseldorf 1999, 45-81.
- Meesmann, Hartmut: Die göttliche Seele?,
in: Hofmeister, Klaus/ Bauerochse, Lothar (Hg.): Die Zukunft der Religion, Würzburg 1999,
143-154.
- Popp-Beier, Ulrike: Theologie und
Psychologie - eine Messaliace? Das Verhältnis beider Disziplinen aus der Sicht einer
Psychologin, in: Praktische Theologie 35 (2000) Heft 2, 78-85.
- Remele, Kurt: Ich-Fieber?
Selbstthematisierung, therapeutische Religion und die kommunitaristische Kritik des
expressiven Individualismus, in: ETHICA 7 (1999) 4, 405-428, (darin: Die neuen
Beichtväter: Therapie statt Seelsorge?)
- Sparn, Walter: Theologie und Psychologie?
Eine Mesalliance? Eine Problemskizze aus der Sicht eines Theologen, in: Praktische
Theologie, 35 (2000) Heft 2, 75-77.
- Stollberg, Dietrich: Theologie und
Psychologie, in: Fechtner, Kristian (Hg.): Religion wahrnehmen, Marburg 1996, 71-78.
Thema: Heilende Seelsorge
- Ball, Matthias/Rück, Werner: Heilkraft des
Glaubens, in: Hoeren, Jürgen/Ball, Matthias (Hg.): Heilkraft des Glaubens, Ostfildern
1983, 9-14.
- Baumgartner, Isidor: Heilende
Seelsorge - ein verkehrtes Leitwort?, in: Theologische Praktische Quartalschrift 145
(1997) 238-244.
- Baumgartner, Isidor:
Pastoralpsychologie: Einführung in die Praxis heilender Seelsorge, Düsseldorf 1990.
- Biser, Eugen: Die Heilkraft des Glaubens.
Entwurf einer therapeutischen Seelsorge, in: Concilium 34 (1998) Heft 4, 534-543.
- Haslinger, Herbert: Diakonie zwischen
Mensch, Kiche und Gesellschaft, Würzburg 1996, darin zur Relation Heil und Heilung:
719-731.
- Gruber, Franz: Heilwerden im Fragment:
Anmerkungen zur heilenden Seelsorge aus systematischer Perspektive, in: Theologische
Praktische Quartalschrift 145 (1997) 227-237.
- Poensgen, Herbert: Alles ist Fragment.
Kritische Anfragen zu Konzepten heilender Seelsorge in der Pastoral, in:
Theologisch-Praktische Quartalschrift 145 (1997) 155-167.
Wahl, Heribert: Alles ist
Fragment" - aber Fragmente sind nicht alles!, in: Theologische Praktische
Quartalschrift 145 (1997) 245-255.
Referat: New-Age fürs Ich
- Jaeggi, Eva: Psychotherapie und Esoterik.
Ein Werkstattbericht, in: Praktische Theologie. Zeitschrift für Religion, Gesellschaft
und Kirche 35 (2000) Heft 2, 137-145.
- Kehl, Medard: Psychologie als religiöse
Heilslehre: Selbstverwirklichung im New-Age, in: Frielingsdorf, Karl/Kehl, Medard (Hg.):
Ganz und heil: unterschiedliche Wege zur »Selbstverwirklichung«, Würzburg 1990, 11-25.
- Lesch, Karl Josef: Im Sog der
Esoterik-Welle. Esoterische Spiritualität als Herausforderung für den christlichen
Glauben, in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Essen, Hamburg, Hildesheim,
Köln, Osnabrück (2000) Heft 5, 131-141.
- Möller, Heidi M.: Esoterische
Heilserwartungen, in: Praktische Theologie. Zeitschrift für Religion, Gesellschaft und
Kirche 35 (2000) Heft 2, 127-136.
- Platta, Holdger: New-Age-Therapien. Pro und
Contra, Weinheim 1994, 205-249.
Praxistranfer (Vorschlag):
Gruppenarbeit zu folgenden Fragen:
- Inwieweit sind religiöse Praktiken Hilfen
oder aber Hindernisse bei der Identitätsfindung?
- Wo sehen Sie Defizite und wo sehen Sie
Chancen in einer Kooperation von Theologie und Psychologie für Menschen in Lebenskrisen?
- Welche pastoralen Konsequenzen ergeben sich
Ihrer Meinung nach aus der Verwirklichung einer heilenden Seelsorge"?
6 Orientierung in einer orientierungslosen Zeit
Impulse für die Pastoral Freitag, den
15.12.2000, 14.15-17.30
Thematischer Zugang
In einer Welt, in der überkommene Vorgaben
der Lebensgestaltung verschwimmen, ist die Fähigkeit zu konstruktivem Umgang mit
widersprüchlichen Orientierungsangeboten gefragt. Ob es genügt, der
@-Generation" (J. Goebel) Orientierungslosigkeit als Tugend anzubieten, darf
angezweifelt werden. In diesem letzten Seminarteil sollen stattdessen Aspekte
zusammengetragen werden, wie heute der Mehr-Wert" des christlichen Glaubens
Orientierung bieten, zur Optimierung des Ich und zu menschenwürdigen Lebensverhältnissen
verhelfen kann.
Referat: Religiöse Subjektwerdung
- Axmacher, Elke: Fromm aus Glauben, in:
Jaspert, B. (Hg.): Frömmigkeit als Forschungsaufgabe, Paderborn 1995, 65-78.
- Biser, Eugen: Überwindung der Lebensangst.
Wege zu einem befreienden Gottesbild, München 1996.
- Frielingsdorf, Karl: Glücklich
leben", was heißt das?, in: Geist und Leben 66 (1993) Heft 5, 321-328.
- Friemel, Franz Georg: Pastorale
Sicherheitsprobleme". Will Gott Sicherheit oder Unsicherheit?, in: Diakonia 21
(1990) Heft 2, 88-95.
- Knobloch, Stefan: Praktische Theologie,
Freiburg i. Br. 1996, darin: Mystagogische Seelsorge-ein Prozeß der Subjektwerdung,
187-201.
- Schmid, Peter F.: Sicherheit haben oder
glauben. Entwicklungspsychologische Aspekte zu Risikobereitschaft und Vertrauen, in:
Diakonia 21 (1990) Heft 2, 78-87.
Referat: Personal-redemptive Kompetenz
- Lutz, Bernd: Auferstehung - am Ende?, in:
Englert, Rudolf: Christlicher Glaube als Lebensstil, Stuttgart 1996, 295-312.
- Stenger, Hermann M.: Diese Last will
getragen sein, in: Baumgartner, Isidor/Friesl, Christian/Máté-Toth, András. (Hg.): Den
Himmel offen halten, Innsbruck 2000, 138-148.
- Stenger, Hermann M.: Für eine Kirche, die
sich sehen lassen kann, Innsbruck 1995, 11-54 41.
- Stenger, Hermann M.: Wenn wir so wenige
sind, in: SOG: Gemeinde ohne Priester, Frankfurt a.M. 1983, 57-93.
Referat: Christsein heute
- Höhn, Hans-Joachim: Zerstreuungen,
Düsseldorf 1998, darin: Nachstellungen: Vom wirklichen, wahren und möglichen Leben,
158-196.
- Kaufmann, Franz-Xaver: Wie überlebt das
Christentum?, Freiburg i.Br. 2000.
- Kehl. Medard: Wohin geht die Kirche? eine
Zeitdiagnose, Freiburg 1996, 116-126 und 150-164.
- Knobloch, Stefan: Praktische Theologie,
Freiburg 1996, 161-262.
- Kochanek, Hermann: Spurwechsel, Frankfurt
1998, darin: Überlegungen zu Neuansätzen, 113-166.
- Langer, Wolfgang: Vom Fremdsein des
Christen in der Welt. Eine fremd" gewordene Kategorie neutestamentlichen
Glaubens, in: Englert, Rudolf: Christlicher Glaube als Lebensstil, Stuttgart 1996,
237-248.
- Pizzolatto, Valentim: Die Kirchenvision
Vinzenz Pallottis, in: Probst, Manfred/Rheinbay, Paul (Hg.): Kirche im Wandel:
Pallottinische Optionen, ST. Ottilien 1999, 12-52.
- Rademacher, Lorenz: Brennt das Feuer hell?
Zum 150. Todestag Vinzenz Pallottis, in: Geist und Leben 73 (2000) Heft 3, 210-216.
- Rahner, Karl: Die Zukunft der Kirche hat
schon begonnen, in: Rahner, Karl: Sämtliche Werke, Bd. 19. Selbstvollzug der Kirche,
474-488.
- Zulehner, Paul M./Rahner, Karl: Denn
du kommst unserem Tun mit deiner Gnade zuvor ...", Düsseldorf² 1984.
Referate zur Seminarreihe im
WS 2000/2001: Es lebe das ICH"
| Termine |
Themen für Referate/Seminararbeiten |
Vortragende |
| 27.10.2000 |
Einführungsseminarblock:
Es lebe das Ich!" Religion in
Eigenregie |
Prof. Dr. Leuninger
Dr. A. M. Eckart
Dr. J. Eckart |
| 03.11.2000 |
2. Seminarblock:
Religion jenseits der
Gnadenanstalt" |
|
| 03.11.2000 |
Wandel der Sozialgestalt der Kirche |
Dr. J. Eckart |
| 03.11.2000 |
Welche Kirche braucht das ICH? |
|
| 10.11.2000 |
3. Seminarblock:
Nichtkirchliche Religiosität: Eine
Spurensuche |
|
| 10.11.2000 |
Internet und Religionsunterricht |
|
| 10.11.2000 |
Sport als Religion |
|
| 10.11.2000 |
TV als (m)ein Hausaltärchen? |
|
| 10.11.2000 |
Religion in der Werbung |
|
| 10.11.2000 |
Musik als Religion |
|
| 17.11.2000 |
4. Seminarblock:
Was Gott ist, bestimme ich" |
|
| 17.11.2000 |
Anspruch auf eigenes Leben |
|
| 17.11.2000 |
Ich-Jagd in der Multioptionsgesellschaft |
|
| 01.12.2000 |
5. Seminarblock:
Couch statt Beichte? |
|
| 01.12.2000 |
Suche nach dem Ich - Identitätsarbeit
heute |
|
| 01.12.2000 |
Psychotherapie und Seelsorge |
|
| 01.12.2000 |
Heilende Seelsorge |
|
| 01.12.2000 |
New-Age fürs Ich |
|
| 15.12.2000 |
6. Seminarblock:
Orientierung in einer orientierungslosen
Zeit |
|
| 15.12.2000 |
Religiöse Subjektwerdung |
|
| 15.12.2000 |
Personal-redemptive Kompetenz |
|
| 15.12.2000 |
Christsein heute |
|
|