Rede zum 1.Mai 2005
"Arbeit und Menschenwürde"
Dr. Ernst Leuninger
Limburg,
den
01.05.2005
(Vortrag in Neuwied)
„Du bist
mehr.
Mehr als eine
Nummer.
Mehr als ein
Kostenfaktor.
Du hast Würde.
Zeig sie!“
Sehr
verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen aus den
Gewerkschaften.
Einführung
In einigen
Tagen gedenken wir in Grauen und Dankbarkeit des 60. Jahrestages des
Kriegsendes, ich habe dies als damals 12-jähriger noch fest vor Augen,
einmal die Befreiung, die ich als solche erlebt habe, zum anderen im
wachsenden Maße das Entsetzen über das Grausame was geschehen ist. Dass
jemals ein Deutscher auf der Welt wieder Achtung gewinnen könne haben wir
damals nicht geglaubt. Heute können wir, ohne die Vergangenheit zu
vergessen, dankbar sein für die vergangenen 60 Jahre.
60
Millionen Tote, 6 Millionen ermordete Juden, zerstörte Länder, heimatlos
Gemachte. Die Menschenwürde war mit Füßen getreten worden. Wie der
Mensch als Nummer entwürdigt werden kann, das wissen wir aus den
damaligen KZs. Arbeit wurde zur Zwangsarbeit und wenn man Arbeitskräfte
nicht mehr brauchte, dann ließ man sie verhungern.
Aus diesen
dramatischen Erfahrungen hat die Menschenwürde in unserem neuen
Gemeinwesen eine besondere Rolle bekommen. Sie ist für Christen ein
unmittelbares Geschenk von Gott, sie ist das Heiligtum in uns, sie ist
heilig und das bedeutet im ursprünglichen Sinne unantastbar. Sie
realisiert sich in unserer Personalität, die uns vor allen anderen
irdischen Geschöpfen unantastbar macht. Sie ist nicht in Kosten
aufzurechnen weil sie weit über jedem Geldwert steht. Ihre wichtigsten
Elemente sind Freiheit und Solidarität. Daraus erwachsen
·
Das Recht auf Arbeit
·
Das Recht auf Teilhabe
·
Die soziale Gerechtigkeit für alle
Freiheit
und Solidarität begründen nicht nur die Person sondern sind auch
Grundelemente unseres Gemeinwesens.
Das
Recht auf Arbeit
Arbeit ist
eine Menschenwürde. Johannes
Paul II. hat es in seiner Magna Charta der Arbeit „laborem exercens“
deutlich gesagt indem er den Vorrang der Arbeit vor dem Kapital betont.
Arbeit ist eine Menschenwürde, Kapital ist ein Instrument. So
ist es ein Verkehrung der Wertewelt die Arbeit zu einem Instrument de
Kapitals zu machen, wie es heute geschieht. Im
Gegenteil, Generationen von Arbeit haben das Kapital zum immer
besseren Werkzeug der Arbeit gemacht. Kapital dient der Arbeit, das
personale Subjekt sind die arbeitenden Menschen.
Arbeit trägt
bei zum Lebensunterhalt des Menschen, zur Krankheits- und Altervorsorge,
zur sozialen Teilhabe in Familie und Gesellschaft. Arbeitslosigkeit ist
ein würdeloser Zustand. Das Recht auf Arbeit richtet sich an den
indirekten Arbeitgeber, das ist das ganze sozi-ökonomische System, wenn
dies versagt letztlich an den Staat. Das das sozioökonomische System
versagt ist nun kein Geheimnis mehr, dass sich der Staat in dieser Frage
immer mehr in die Büsche schlägt ist ein totales Missverständnis von
Gemeinwesen und Staat. Dieses hat nicht zuerst dem Kapital zu dienen,
sondern den Menschen. Sozialabbau und die Schaffung von kuriosen
Arbeitsverhältnissen bis hin zu Formen, die manchmal eher nach
Zwangsarbeit aussehen, sind kein menschenwürdiger Weg.
Alles was
zurzeit an Sozialabbau geschieht dient dazu der neoliberalistischen
Auffassung von Wirtschaft das Feld zu überlassen. Der Markt reguliere
sich selbst, heißt es, aber die Marktmechanismen beachten nicht die
Menschenwürde. Deregulierung ist nichts anderes als dem Kapital das Feld
zu überlassen. Menschenwürde verlangt aber unter moralischen
Gesichtspunkten, die offensichtlich Megaout sind, einer Regulierung unter
den Kriterien der Menschenwürde für alle. Langzeitarbeitslosen
mit Fußfesseln helfen zu wollen wie Strafgefangenen, ein hessischer
Minister hatte das auf der Homepage des Ministeriums stehen, ist nun der
Ausbund an Menschenverachtung. Und wenn Westerwelle faktisch die
Gewerkschaften in ihrem gesellschaftlichen Einfluss vernichten will, dann
muss man Sorge dafür tragen, dass er nicht das Sagen bekommt. Wo bleibt
da die Arbeit als eine Menschenwürde?
Alle
Deregulierungen haben bisher keine neuen Arbeitsplätze geschaffen ganz im
Gegenteil. Auch die gefordert
Arbeitszeitverlängerung wird keine Arbeit schaffen, im Gegenteil, den
Konkurrenzkampf um Arbeit internationalisieren letztlich zu immer mehr
Arbeit für den Arbeitsbesitzenden und immer mehr Arbeitlose führen. Sind
wir auf dem Weg zu einem „Raubtierkapitalismus“ wie Nell-Breuning dies
einmal sagte? Erste Bedenken auch im Bereich der Arbeitgeber, Politik und
Medien scheinen zu wachsen. Letztlich sitzen wir doch alle in einem Boot.
Einer der
Wirtschaftsweisen Karl Bofinger sagt es deutlich, dass wir zu einer Wende
wieder mehr Steuern brauchen um die Aufgaben des Staates als Hüter des
Gemeinwohls zu sichern und öffentliche Investitionen zu ermöglichen und
zugleich höhere Arbeitslöhne um den nahezu toten Binnenmarkt zu beleben,
denn im Export sind wir Weltmeister. Wir produzieren offensichtlich am
Preiswertesten. Daran liegt es nicht. Der Inlandmarkt schwächelt vor sich
hin.
Der dritte
Faktor war früher das Land, oder die Ressourcen, die ein Land hatte. Dies
wird vor allem in Zukunft eine Ressource sein, nämlich der Bildungsstand
der Menschen. Hier gerät unser Gemeinwesen in eine gefährliche
Sparsamkeit. Jetzt sollen auch noch Studiengebühren eingeführt und Bafög
reduziert werden. Wir sehen in der Bildung gar nicht gut aus im europäischen
und internationalen Vergleich, es ist heute schon so, dass die Höhe der
Bildung eine Aussage über das Einkommen der Eltern ist, untere
Einkommensschichten haben bei etwa 60.000 € Studienkosten keine Chance
mehr. Dies ist nicht nur ungerecht, sondern zukunftsgefährdendend. Bisher
versuchen wir über die ähnlich wie die USA international Bildung
abzugreifen, das wird aufhören und dann die Arbeitsmöglichkeiten noch
einmal reduzieren.
Es gilt:
erzwungene Arbeitslosigkeit ist ein menschenunwürdiger Zustand und es
muss alles getan werden, dies zu ändern.
Das
Recht auf Teilhabe
Die
Aussagen des Chefs einer Großbank die Riesenrendite gemacht hat diese
noch durch Entlassungen zu verbessern ist eiskalter „shareholder-value
Den Aktionären dienend“. In Crash-Kursen wird in den USA Jungmanagern
beigebracht, dass es nicht verantwortbar, zu Lasten der Aktionäre soziale
Akzente zu setzen. Wer dann immer noch behauptet Wirtschaft sei eine reine
Naturwissenschaft und habe nichts mit Moral zu tun, das heißt mit
menschenwürdigem Handeln, der entdeckt dann, dass hinter dem
shareholder-value doch eine Moral steckt, ein Handlungsprinzip das Gewinn
um jeden Preis macht, auch wenn viele dabei auf der Strecke bleiben.
Wirtschaft ist für uns nicht ein Zweck-Mittel-System zur Erreichung von
Gewinnen für die Aktionäre, sondern ein Zweck-Mittel-System zur Förderung
des Gemeinwohls.
Deshalb
kommt aus kritischer amerikanischer Sicht der Gegenbegriff des „stakeholder-value“,
das heißt Wirtschaft hat allen Beteiligten zu dienen, vor allem auch den
arbeitenden Menschen, alle sind sie an diesem Unternehmen beteiligt.
Menschenwürde
verlangt ein Recht an Teilhabe am wirtschaftlichen Prozess durch Arbeit.
Menschenwürde
meint aber auch den freien Menschen, der sich nicht einfach in das Joch
einer Knechtschaft begibt. Deshalb ist Demokratie eindeutig die beste
aller Regierungsformen, weil sie im Prinzip auf der gleichen Menschenwürde
aller aufbaut.
Dies
verlangt, dass der begonnene Demokratisierungsprozess in unserer
Wirtschaft nicht umgekehrt werden darf, die Demokratisierung hat
eigentlich erst angefangen. Alle Versuche, dies zu reduzieren und den
Einfluss der arbeitenden Menschen herunterzufahren sind ein Angriff auf
die Menschenwürde, weil Teilhabe an wirtschaftlichen Prozessen ganz
wesentlich zur Würde eines freien Menschen gehört.
Wir müssen
alles tun, dass sich die arbeitenden Menschen hier keine Angst einjagen
lassen, sondern mutig für ihre Rechte der Teilhabe einstehen. So sagt es
die eben zitierte „Manga Charta“ der Arbeit: „Wenn der Mensch
arbeitet und sich dabei der Gesamtheit der Produktionsmittel bedient, so möchte
er zugleich, dass die Früchte dieser Arbeit ihm und den anderen zugute
kommen und dass er bei diesem Arbeitsprozess Mitverantwortlicher und
Mitgestalter in der Werkstätte sein darf, in der er tätig ist.
Die
soziale Gerechtigkeit für alle
Dieter
Rickert dreht mit am großen Rad der deutschen Wirtschaft. Ein
Wirtschaftsmagazin sortierte ihn jetzt unter „Die 50 Mächtigsten“ im
Lande. Er gründet eine Stiftung, als erfolgreich empfände er seine
Stiftung, wenn nach zwei Jahren Aufklärung und Druck auf Politiker
„Soziale Gerechtigkeit“ zum Unwort des Jahres gewählt würde. Soziale
Gerechtigkeit gebe es nicht, weil Menschen von unterschiedlicher Begabung
und Leistungsbereitschaft seien. Andere denken und reden ähnlich.
Was
ist soziale Gerechtigkeit? Die Güter der Erde sind für alle da, alle
Menschen haben gleiche Würde deshalb muss jedem Gerechtigkeit
widerfahren. Eine absolute Gleichheit ist auf der Welt nie zu schaffen.
Sie muss aber immer wieder Option sein, die unser Handeln hier immer unter
die Frage stellt, wie trifft das die Armen und Schwachen, ist eine
gerechtere Lösung machbar? Allzu große Unterschiede sind nicht zulässig,
Unterschiede müssen von der Aufgabe her gerechtfertigt sein. Allen sind
nach Möglichkeit die Beteiligungsrechte zu geben, die sie zur
Realisierung eines Lebens in Anstand und Würde benötigen. Der Staat ist
der Garant der sozialen Gerechtigkeit, er muss ggf. durch Ausgleich z. B.
über die Steuer für eine bessere Gerechtigkeit sorgen.
Die
soziale Gerechtigkeit ist zu Grunde gelegt in der Sozialstaatlichkeit
unserer Verfassung. Wir sind ein soziale Rechtsstaat, so will es das
Grundgesetz. Diese Sozialstaatlichkeit wurde bisher gewährleistet durch
·
Menschen würdiges
Arbeitseinkommen,
·
Soziale
Sicherungssysteme die solidarisch und voll sichernd sind
·
Bildung für alle
·
Tarifautonomie
Wir
spüren dramatisch, wie sich diese Säulen der sozialen Gerechtigkeit auflösen.
Das soll mehr Arbeit schaffen aber das Gegenteil ist der Fall. Die Spirale
dreht sich immer weiter nach unten. Die Arbeitslosigkeit steigt und der
Reichtum einiger weniger zugleich. In den letzten Jahren sind die die
Reichen reicher und die Armen zahlreicher geworden, das gilt nahezu
weltweit. Das Arbeitsrealeinkommen stagniert oder geht zurück, die
sozialen Sicherungen werden mehr und mehr heruntergefahren, die Risiken
individualisiert. Eine solidarische Grundsicherung muss her. Das
Grundelement der Solidarität in dem einer für den anderen eintritt, ist
in Gefahr durch eine radikale Individualisierung abgelöst zu werden.
Letztlich bleibt die Menschenwürde auf der Strecke.
Wir
müssen auch sehen, dass die sozialen Standards Europas nicht diesen neuen
Maßstäben angepasst werden, dann wir Europa dem „Catch as catch can“
überlassen. Dies gilt ja schon weltweit. Ein Philosoph zu Beginn der
Moderne sagte einmal: wer die Welt nicht von der Menschenwürde des
Einzelnen her definiere und daraus ihr Gemeinwohl für alle anstrebe, für
den sei die Welt eine Wirtschaft, in der man sich nimmt was man kriegt,
ein Tollhaus in dem ein Sinn nicht mehr erkennbar sei, eine Zuchthaus, wie
wir es ja erlebt haben oder eine Kloake, in die jeder seinen Dreck ablässt,
nachdem er sie nach Möglichkeit geplündert hat. Heute käme noch hinzu,
dass die Welt als Börse ein Spielkasino sei. Wer die riesigen
Spekulationssummen wahrnimmt, die täglich über den Erdball kreisen und
erkennt, das Geld sich durch Spekulation schneller vermehrt als durch
Arbeit, der weiß was gemeint ist.
Die
dritte Welt wird durch diese Entwicklung zu einem Armenhaus,
Subsaharaafrika ist schon erledigt und sicht an AIDS vor sich in, die
Entwicklungen in anderen Ländern sind dramatisch, die Ergebnisse schlagen
sich jetzt schon bei uns nieder. Wie die Welt auf einem Weg zu einem
Zuchthaus ist, wenn es Armut nicht mehr bewältigen kann, der möge in die
USA gehen, dort werden die Reichen immer reicher und die Armen ärmer, die
Kriminalität steigt, dafür sind im Schnitt dort
10 mal mehr Menschen pro tausend dort im Zuchthaus als in Europa. Auch
in armen Ländern entwickelt sich die Kriminalität überproportional. Das
passiert wenn Solidarität und Menschenwürde nicht mehr geachtet werden.
Diese Dinge schwappen ja schon auf unser Land über.
Solidarität
muss nicht mehr nur national, sondern europäisch und international
gedacht werden, denn Menschenwürde ist unteilbar. Das war immer ein
Anliegend er Gewerkschaften.
„Du
hast Würde, zeig sie!“
Die
wachsende Sorge um den Arbeitsplatz löst bei den Deutschen starke
Zukunftsängste aus. Nicht einmal jeder dritte Bürger (28 Prozent) glaubt
heute, dass man in fünf bis zehn Jahren noch gut in der Bundesrepublik
leben kann. Fast jeder zweite Deutsche (42 Prozent) sorgt sich um den Job
– 2003 waren es erst 35 Prozent. Mehr als die Hälfte der Bürger (60
Prozent) rechnet damit, dass sich ihre persönliche finanzielle Situation
verschlechtert, so die Ergebnisse der vierten Runde von
Perspektive-Deutschland. Diese Probleme sind wesentlich Folge der
neoliberalistischen Wirtschaft und kein Schicksal, das wir hinnehmen müssen.
Wir
dürfen nicht wie geduldige Lämmer hinter als Hirten verkleideten Räubern
herlaufen. Wir müssen erkennen, was geschieht. Es ist nicht alles
Schicksal, sondern von Menschen gemacht. Stehen wir auf und stehen wir ein
für die Würde des Menschen, bei den Arbeitslosen und der Kürzung ihrer
Einkommen, den Kindern,
Jugendlichen, Familien, Kranken und auch Alten. Unsere Gesellschaft ist
reich genug, umzukehren und die Würde des Menschen in Freiheit und
Solidarität wieder in die Mitte gesellschaftlichen Handelns zu stellen.
Wir
brauchen endlich eine nachfrageorientierte Wirtschaft durch bessere
Arbeitseinkommen, hier gilt es bei einem Umdenkungsprozess, der
offensichtlich ganz langsam einsetzt mitzumachen und vorwärts zu treiben.
Dazu
bedarf es starker Arbeitnehmerorganisationen, Demonstrationen, Umdenken
und Proteste immer dann wenn wir glauben, dass Menschenwürde verletzt
wird. So zeigen wir unsere Menschenwürde und fordern sie für uns und
andere solidarisch ein.
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