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Katholische SozialLehre
Catholic Social Teaching
Autor: Ernst Leuninger

Thema der Seite: Familie


Inhaltsverzeichnis

Bricht die Familie auseinander?

Text aus dem Sozialwort der Kirchen

Familie im Wandel (Vortrag)

Erziehungsgehalt 2000


Bricht die Familie auseinander?

Die gestiegene Zahl der Kinder alleinerziehender Mütter auf etwa 1,4 Millionen im Jahr 1995 und die damit verbundene Zunahme der Kinder, die Sozialhilfe erhalten, erweckt den Eindruck, daß das Modell der Familie am Entschwinden sei. Dies entspricht aber nicht den Realitäten. Einmal sind Familien mit Alleinerziehenden auch Familien, die sogar eines besonderen Schutzes bedürfen, zum anderen wachsen zur Zeit im Bundesdurchschnitt noch 90% aller Kinder bis zum 18. Lebensjahr bei Ehepaaren auf. Nimmt man die Stiefkinder heraus, so sind 80% aller Kinder bis zum 18. Lebensjahr bei ihren leiblichen Eltern.

Familie und besonders Familien mit Alleinerziehenden sind in unserer Gesellschaft ein Armutsrisiko, das ist der Skandal. Die Familie wird nach wie vor die entscheidende Lebensform sein, es kommt darauf an, wie sie von der Gesellschaft in ihrer Aufgabe unterstützt wird. So wird sie den Wandlungsprozeß, in dem sie steht, durchhalten können (Quelle: H. Bertram, Die Mär vom verschwindenden Paradies, FR 23.6.1998 S 10).


Woche für das Leben 1998

In diesem Jahr fand die Woche für das Leben unter dem Thema Familie vom 10. - 17 Mai statt. Die Eröffnungsverstaltung für das Bistum Limburg, das Bistum Mainz und die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau war am 12. Mai nachmittags in Frankfurt und wird von den beteiligten Familienbildungsstätten gestaltet und fand bei der Liebfrauenkriche statt.

Weitere Informationen bei: Bischöfliches Ordinariat Dezernat Erwachsenenarbeit, z. Hd. Michael Cleven, PF 1355 65533 Limburg, Tel: 06431 295 446 Fax: 295 437

 


Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit

Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

und der Deutschen Bischofskonferenz

zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland

 

Herausgegeben vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland, Herrenhäuser Straße 12, 30419 Hannover, und vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstraße 163, 53113 Bonn

 

Auszug:

2.2.2 Benachteiligung der Familien

(70) Eltern erfahren ihr Zusammenleben mit Kindern als große Bereicherung ihres Lebens. Um ihrer Kinder willen nehmen sie viele Einschränkungen in Kauf. Aber die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich in den letzten Jahrzehnten so verändert, daß Eltern im Vergleich zu den Kinderlosen immer größere wirtschaftliche und persönliche Verzichte abgefordert werden und auch die Tragfähigkeit der familialen Beziehungen immer häufiger überlastet wird. Die wirtschaftliche Belastung von Familien mit Kindern kann dazu führen, daß sie weniger Kinder bekommen, als sie sich eigentlich wünschen. Die zunehmende Zahl von Kinderlosen in der Bundesrepublik Deutschland offenbart darüber hinaus, daß sich die Einstellung zu Kindern verändert hat.

(71) Statistische Erhebungen zeigen, daß der Lebensstandard einer Familie mit zwei Kindern erheblich unter dem eines entsprechenden kinderlosen Ehepaares liegt. Die Maßnahmen des Familienlastenausgleichs vermögen im Durchschnitt nicht einmal die unmittelbaren durch Kinder bedingten Aufwendungen, geschweige denn das durch den Rückgang der Erwerbsbeteiligung sinkende Haushaltseinkommen auszugleichen. Mehrere Kinder zu haben ist heute zu einem Armutsrisiko geworden. Schwerer noch als die finanziellen Einschränkungen wiegen jedoch für junge Familien andere Benachteiligungen: Sie suchen für Kinder geeigneten Wohnraum und erleben, sofern sie ihn überhaupt bezahlen können, daß ihnen Kinderlose vorgezogen werden. Mehrkinderfamilien sind hier sogar extrem benachteiligt. Sie erfahren Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt, da sie in räumlicher und zeitlicher Hinsicht weniger flexibel sind. Auch der fortlaufende Verlust an gemeinsamer Zeit (etwa durch Schichtarbeit oder Sonntagsarbeit) trifft die Familien. Besondere Belastungen treten infolge von Arbeitslosigkeit und Überschuldung auf. Gegen die Wahrnehmung von Elternverantwortung verhalten sich Wirtschaft, Staat und soziale Dienste zwar nicht ablehnend, aber vielfach indifferent, d. h. sie behandeln Eltern und Kinderlose grundsätzlich gleich. Daraus resultiert eine strukturelle Benachteiligung der Familien. Deutschland gehört zu den Ländern Europas mit der geringsten Geburtenrate und dem größten Anteil an Einpersonenhaushalten.

 

 


Dr. Ernst Leuninger 1.4.97

 

1. Familie im Wandel

1972 erschien ein Buch von Horst-Eberhard Richter mit dem Titel "Patient Familie". Wenn auch der Inhalt sich vor allem mit der Therapie von Ehen und Familien beschäftigt, könnte der Titel doch symptomatisch für die Familie sein. Ist der Patient inzwischen gestorben? Reimer Gronemeyer stellt 1992 fest: "Aber mit dem Ende der Moderne bricht diese Sozialform zusammen". Es wird seiner Auffassung nach zwar familienähnliche Gebilde geben, aber die postmoderne Familie ist für ihn vom Begriff her schon eine "Mogelpackung", ein "karierter Hund" (R. Gronemeyer, Ohne Seele, ohne Liebe, ohne Haß, Düsseldorf 1992, S. 39).

Auch wenn man dieser Auffassung nicht unmittelbar zustimmen will, muß doch konstatiert werden, daß die Familie in einem erheblichen Änderungsprozeß begriffen ist und unter großen Belastungen steht. "Familie im Wandel" könnte überhaupt über die Geschichte der Familie geschrieben werden. Gesellschaftliche Änderungen haben auch immer wieder tiefgreifende Spuren an der Institution der Familie hinterlassen.

2. Kurze geschichtliche Rückblende

2.1 Die Entstehung der Familie bis zur orientalischen Familie

Hier soll nur kurz auf Formen der Familie in den Frühzeiten der Menschheit eingegangen werden. Das Matriarchat war über Jahrtausende die Organisationsform der Familie, die Männer lebten eher am Rande, außer der Zeugung ohne größere Bedeutung für die Weiterexistenz der Großgruppe. Das war Angelegenheit der Frauen. Sie waren Mitte des Geschehens. Mit ihrer Jagd trugen die Männer nur wenig für die Ernährung der Sippe bei. Im Übergang zum Ackerbau wuchs ihre Rolle, auch im Außenbereich. Die Frauen blieben zwar auf das Innen bezogen, auf Hauswesen und Kindergroßziehen, aber das Außen gewann an Bedeutung und damit die Rolle der Männer. Das Außen wurde zum öffentlichen Bereich der Domäne der Männer. Das Matriarchat wandelte sich in das Patriarchat, ein Phänomen, das uns überall im Mittelmeerraum ab dem zweiten Jahrtausend vor Christus begegnet. 

Auch die Sinnstiftung in den Gottheiten war in den matriachalischen Strukturen weiblich, denken sie nur an die Muttergottheiten. Auf einmal werden die führenden Gottheiten männlich. Dies geschieht gleichzeitig mit dem Machtweschsel in der Gesellschaft. Dabei gibt es auch Mischsituationen und nahezu partnerschaftliche Gesellschaften, wie m.E. die altägyptische.  

2.2 Die biblische Familie

In diese entstehende patriarchalische Struktur gehört das Entstehen des Volkes Israel, gehört die orientalische Familie des biblischen Zeitalters. Nur den Begriff "Familie" gibt es in der Bibel überhaupt nicht;. der Begriff ist römisch. Das "Zelt" und das "Haus" sind die entsprechenden Begriffe. Wir kennen aus der Bibel die Großfamilien der Patriarchen mit bis zu vier Frauen bzw. Frauen und Nebenfrauen, Kindern und Kindeskindern; eine Familienform, wie sie Nomaden und Halbnomaden entspricht, in der die Mitglieder ihre umfassende Sicherung aus dem Verband beziehen.

Ist das der Typus der Familie: der Mann Abraham, der seine Frau aus Angst an den Pharao verkuppelt und Jakob, der seinen Bruder betrügt und letztlich vier Frauen hat. Eine davon klaut den Eltern das Hausheiligtum und lügt dann noch wie gedruckt. Gott weiß das, aber trotzdem gibt er ihnen seinen Segen. Sie werden zu Stammeltern Israels, des auserwählten Volkes. 

Noomi, die Mutter von Ruth ist Alleinerziehende, sie bringt später in doch mehr als problematischer Form die Schwiegertochter Ruth bei dem Löser Boaz an. Ruth wird zur Stammutter Jesu. Alle sind sie gesegnet von Gott. Also keineswegs Paradefamilien im Sinne kirchlicher Verlautbarungen. 

Die Familie Jesu ist ja auch nicht ohne Fragen. War er Einzelkind? Wie war das mit der Beziehung Josefs zu Maria, wie ist das mit den Geschwistern Jesu? War es doch auch wiederum eine Großfamilie, oder waren es gar leibliche Geschwister, wie manche Exegeten meinen annehmen zu müssen? 

Die Äußerungen Jesu sind keineswegs immer sehr familienfreundlich. Seine Familie wollte ihn ja zurückrufen. Aber er fragt, wer denn seine Familie sei: "jeder der den Willen Gottes tut". Wir kennen das dritte Kapitel bei Markus. Mit Jesus ist das Gottesreich gekommen, dies wird zum entscheidenden Kriterium des menschlichen Zusammenlebens. Das Gebot der Gottes-, Selbst- und Nächstenliebe wird zur Grundlage jeglicher gelungener menschlicher Beziehung und damit auch der Familie. Menschliche Beziehungen bekommen durch ihn eine neue Dimension. Freundlicher war er zur Ehe, vor allem um der Frauen willen, denen er in der Infragestellung des einseitig vom Mann auszustellenden Scheidebriefes eine grundsätzlich neue Stellung gab. Wer heute über diese unauflösliche Ehe stöhnt, der sollte diesen Hintergrund nicht vergessen. Die Einehe war zur Zeit Jesu, wenn auch mit unterschiedlichen Frauen möglich, selbstverständlich. 

2.3 Die Familie in der Antike

Auch die Griechen kannten den Begriff der Familie überhaupt nicht. Das Haus war die Grundlage des Zusammenlebens; dort war der Bereich der Mutter. Freude und Unterhaltung suchte der Mann nicht dort, sondern bei Knaben und Hetären. Ein Gerichtsredner erklärte im 4. Jahrhundert vor Christus: "Die Freudenmädchen haben wir um der Lust willen, die Geliebte um der Pflege unserer täglichen Körperbedürfnisse, die Ehefrauen aber, damit sie uns rechtmäßige Kinder schenken und treue Wächterinnen unseres Hauses seien." 

Die strenggläubigen Juden in der Diaspora, aber auch die Römer mit ihrer strengeren Familienmoral, konnten mit diesem Verständnis von Ehe und Familie wenig anfangen. Grundlage war bei den Römern die Einehe und Großfamilie mit der starken Bedeutung des pater familias (Familienvaters), aber auch die Frau hatte ihre Rolle. Familie kommt von "famulus" = Diener. Mit der Familie war ursprünglich die gesamte Dienerschaft in einem größeren Anwesen gemeint, später dann alle Hausgenossen, die unter der Leitung des Patriarchen (des herrschenden Vaters) standen. Das war nun sicher die Keimzelle der Gesellschaft. Sklaven konnten nur im begrenzten Umfang frei heiraten, Familie gründen konnten sie nahezu nie. Antike Großstädte wie Korinth hatten bis zu 70% Sklaven als Bewohner, die Armen mit ihren meist eingeschränkten Rechten gar nicht mitgerechnet. 

Diese Großfamilien sind gemeint, wenn Paulus, wie in Philippi, ein ganzes "Haus" tauft. Diese Großfamilien waren auch gemeint, wenn die Kirchenväter von der Familie als Hauskirche und Hausheiligtum sprachen. Ob sie damit die Kleinfamilie von heute gemeint haben, ist sehr zweifelhaft und viele warnen, daß es eine Überforderung der Familie von heute wäre, wie dies in offiziellen Kirchentexten gerne geschieht. Die Familie als Hausheiligtum zu bezeichnen, dazu seien die Unterschiede doch zu groß.  

2.4 Die Familie im Mittelalter

Im Mittelalter dominierte die bäuerliche Großfamilie, zu der auch das Hofpersonal gehörte. Unterschiedlich gestaltete sich diese wieder, wenn es um Gebiete mit Erbteilung unter den Kindern, wie bei den Franken, ging, oder ob die Höfe an einen Sohn fielen. Handwerker und Kaufleute vor allem bildeten die Bürger der emporkommenden Städte. Für diese war die Einheit von Lebens- und Arbeitsraum gegeben, das galt auch immer für die Frauen. Eine Arbeitsteiligkeit, im Sinne der Familie der Moderne zwischen Innenbereich für die Frau und Außenbereich für den Mann, gab es nicht. Die Hörigen waren in ihren Rechten, auch bezüglich Ehe und Familie, massiv eingeschränkt. Sie lebten eher am Rande solcher Institutionen. Ihre Zahl war im Mittelalter nicht gering. Auch das Christentum hat Sklaven bis in die Neuzeit hinein nicht das freie Familiengründungsrecht zugebilligt. 

3. Das Familienbild der Moderne

Unser heutiges überkommenes Familienbild ist geprägt von den Entwicklungen des Industriezeitalters. Es beinhaltet in der Regel das Zusammenwohnen von zwei Generationen, eine davon das Ehepaar, die andere die Kinder. Der Mann ist in der gesellschaftlichen Rollenaufteilung für den Außenbereich zuständig, die Frau für den Innenbereich. Einkommensorientierte Arbeit ist Sache des Mannes, Hausarbeit und Erziehung ist Sache der Frau. So sollte es im herkömmlichen Idealfall sein. Die Realität sah sehr oft anders aus.  

In der Soziologie wurde für diese Familie ein Lebenszyklus mit sechs bis acht Phasen beschrieben. Aufbauphase, Primärsozialisation, Familie mit schulpflichtigen Kindern, Adoleszenzphase, Kontraktionsphase (das Nest ist leer) und Altersphase werden genannt (G. Scheller, in Nave-Herz/Markefka, Handbuch der Familien- und Jugendforschung, Bd. 1 Familienforschung S 151-175). Die Familienbiographien werden aber komplexer. Insgesamt steigt die Lebenserwartung der Menschen.  

Die vom Industriezeitalter und der Aufklärung geprägte Familie geht offensichtlich ihrem Ende entgegen. Sie war im Kern eine von der Industriegesellschaft geforderte Arbeitsteiligkeit in Produktion und Reproduktion, in Außen und Innen, in technischer Rationalität und menschlicher Emotionalität, in Männer und Frauen. Der Mann mußte hinaus ins "feindliche Leben". Dort herrschten Konkurrenz, Kampf, Härte, Durchsetzungsvermögen, Technik und Politik. Im Hause waltete die "züchtige Hausfrau". Hier sollte der emotionale Ausgleich geschaffen, die Kinder für die Arbeitswelt aufgezogen werden, das Gesetz der Liebe walten. Kürzlich wurde dies von einer großen einflußreichen deutschen Tageszeitung noch einmal in etwa so deutlich gemacht: "Konkurrenz herrscht in der Wirtschaft, Solidarität ist für die Familie". 

Die Familie war in diesem Konzept der Puffer zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, der Schmierfilm, der das Leben in der Gesellschaft erträglich machte. "Ohne die Familie hätte es die Industrialisierung nicht gegeben" (Gronemeyer). 

Selbst im vorigen Jahrhundert war die Arbeitssituation für Frauen und Männer extrem familienfeindlich, 18-20 Stunden täglich wurden gearbeitet. Eine Wohnung war nicht zu bekommen, die Zahl der unehelichen Kinder war groß. In vielen Stadtwohnungen war ein Bett oder ein Sofa an einen Verwandten gegeben, es wurden auch Betten stundenweise an "Schläfer" vermietet. Das alles war einem Familienleben nicht förderlich. Die Arbeiter waren in vielen Fällen zur "wilden Ehe" gezwungen (M. Segalen, Die Familie, Frankfurt 1990, S. 171). Von einer schönen heilen Familienwelt kann nicht die Rede sein. 

Aber auch dieses Konzept war Wandlungen unterworfen. Bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts waren um die zehn Kinder in der Familie noch Realität, dann war die Dreikinderfamilie das Ideal, heute ist es meist nur noch ein Kind, im Schnitt exakt 1,3.  

4. Das Verschwinden des Familienmodells der Moderne 

Die entscheidenden Gründe für das Verschwinden des modernen Familienkonzeptes werden in der totalen Durchökonomisierung der Gesellschaft gesehen. Kein Lebensbereich scheint davon ausgenommen. Hinzu kommt, daß die Familie nicht der umfassende Ort der Lebenssicherung ist, ja nicht mehr sein kann. Ohne ein gesellschaftliches System von Sicherheit könnte die Familie nicht mehr überleben. Von der Ausbildung bis zur Altersversorgung werden der Familie mehr und mehr Funktionen abgenommen, die zu leisten sie selbst gar nicht in der Lage wäre. Das sehr arbeitsteilige System verlangt zum Funktionieren andere Formen der Ausbildung, als sie die Familie in der Regel leisten kann.  

5. Entwicklungstrends der europäischen Familie

5.1 Die Rollenstruktur in den Familien hat sich verändert

Im modernen Familienhaushalt leben in der Regel Mutter, Vater und deren leibliche Kinder zusammen (zum Kapitel siehe R. Nave-Herz, M. Markefka). Durch die Verlängerung des Lebens und die Veränderung des Partnerschaftsverhaltens sind aber die Ehebiographien komplexer geworden. Die eben genannte Grundkonstellation wird ergänzt durch viele andere Kombinationen im Mitwohnen von Eltern, anderen Verwandten, durch Kinder aus der ersten Ehe, das Ausscheiden eines Elternteiles, um nur einige zu nennen. Kinder sind, trotz vieler Eigenständigkeiten, letztlich durch Ausbildung und Studium, viel länger von den Eltern abhängig. So wird Familie zu einem differenzierten Beziehungsgeflecht mit vielfältigen Ehebiographien. 

5.2. Wandlungen in den Beziehungen der Ehegatten

Es ist keineswegs so, daß in früheren Zeiten die Ehen stabiler waren als heute. Häufige Wiederverheiratung gehörten zur Tagesordnung, denn gerade die Sterblichkeit der Frauen im Kindbett war sehr hoch. Die Ehe mußte auch viele Kinder haben, da oft nur wenige Kinder die ersten Lebensjahre überlebten. Durch die Verlängerung der Lebenserwartung, vor allem der Frauen, ist die Zahl der Wiederverheiratungen zurückgegangen, sie ist auch keine wirtschaftliche und gesellschaftliche Notwendigkeit mehr, wie sie es früher einmal war. 

Die Partnerwahl hat sich entschieden verändert. Selbstbestimmte Ehepartnerwahl hat es zwar immer gegeben, da ärmere Schichten erst später heiraten konnten, wenn die Eltern manchmal schon gar nicht mehr lebten oder die Kinder Gesinde in anderen Gebieten waren. Vor allem in der bäuerlich-besitzenden Schicht war die Auswahl der Ehepartner eine Sache der ganzen Familie, vor allem aber der Eltern. Emotionalität spielte dabei eine geringere Rolle. Es ist heute nicht sicher, aber wahrscheinlicher als früher, daß eine Heirat eine Liebesheirat ist. An Bedeutung gewinnt das umfassende, auch sexuelle "Zueinanderpassen".

Historische Ehen waren in der Regel durch ein erhebliches Machtgefälle zwischen Mann und Frau gekennzeichnet. Das gilt besonders von den Ehen in der industriellen Moderne. Dieses hat sich massiv verschoben. Heute ist es nahezu selbstverständlich, daß auch eine Frau eine qualifizierte Ausbildung hat und den erlernten Beruf auch ausüben will. Dazu gehört, daß sie auch entsprechendes Verfügungsrecht über selbst erworbenes Geld haben möchte. Auch die längere Lebenserwartung macht eine Berufstätigkeit wahrscheinlicher, da die Frau nach dem Erwachsenwerden der Kinder wieder ins Berufsleben integriert werden möchte. Wenn Frauen im Schnitt etwa 80 Jahre alt werden, dann ist die primäre Erziehungsphase mit 10-12 Jahren abgeschlossen, das Nest wird etwa nach 20 Jahren frei. Was macht eine Frau dann für den verbleibenden größten Teil des Lebens? Das ist aber meist damit verbunden, daß der Mann zwischenzeitlich auf der Karriereleiter uneinholbar nach oben gestiegen ist. Hier müssen Lösungen gesucht werden.  

Frauen sind aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung länger verwitwet. Eine Witwenrente ist in vielen Fällen keine solide Lebensgrundlage. Durch wenige Jahre der Berufstätigkeit ist bei vielen alten Frauen die eigene Rente auch nicht sehr hoch. Armut im Alter ist meist weiblich. Dies fordert noch einmal dazu heraus, ins Berufsleben einzutreten. Tut die Frau dies schon in der Erziehungsphase, dann kommt eine erhebliche zusätzliche Belastung auf sie zu, da bisher die Männer kaum bei der Aufgabenverteilung in der Kindererziehung und dem Haushalt bei Berufstätigkeit der Frau eingetreten sind. In den letzten Jahrzehnten ist von Seiten der Wirtschaft die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften gestiegen, nur in Rezessionsphasen ertönt das Lied von den "Doppelverdienern". Frauen wissen aber inzwischen auch, daß Berufsarbeit ein Recht für sie ist. 

5.3 Die Eltern-Kind-Beziehungen haben sich gewandelt

Insgesamt hat sich der Erziehungsstil auf partnerschaftliche Erziehung hin gewandelt. Noch ist die Prügelstrafe nicht endgültig abgeschafft, aber dies dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein. Damit wird Gewaltpotential aus den Familien und auch aus der Gesellschaft verschwinden. Leider ist die Rate der Gewalttätigkeit in den Familien, auch gegen die Partner - vor allem von den Männern ausgehend - noch immer zu hoch. Familie ist auch oft der Ort, an dem Streß abgebaut wird, aber auch an dem Streß entsteht. 

Lernen durch Mitleben und Mitarbeiten weicht einer frühen außerhäusigen Erziehung, die sich über viele Jahre hinstreckt. Vom Kindergarten bis zur Universität kann dies nahezu 25 und mehr Jahre dauern. Die Jugendlichen fühlen sich zwar früher selbständig, hängen aber wesentlich länger, vor allem finanziell, von den Eltern ab. Das Stöhnen von Eltern: "Ich hätte gerne vor meiner Pensionierung alle Kinder beruflich unter" ist nicht nur ein Witz, sondern in vielen Fällen Realität. Kinder fordern gegenüber früher wie selbstverständlich freie Berufswahl und können bei der Ausbildung trotzdem mit der Unterstützung der Eltern rechnen. Die Weltbilder zwischen Eltern und Kindern sind oft sehr unterschiedlich. Das betrifft nicht nur den religiösen, sondern auch den politischen und gesellschaftlichen Bereich. 

5.4 Auf dem Weg zur Viergenerationenfamilie

Die Ehen dauern trotz einer hohen Scheidungsquote im Schnitt länger, weil die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen, vor allem der Frauen, sich in den letzten einhundert Jahren mehr als verdoppelt hat. Dies läßt die Menschen sehr oft auch die vierte Generation erleben, was früher eine Ausnahme war. 75% der 65jährigen sind Großeltern und 50% derselben Altersgruppe sind Urgroßeltern (P.B. Baltes u.a. Hg., Zukunft des Alterns und gesell-schaftliche Entwicklung, Berlin 1992, S. 475). Untereinander stehen die Generationen, wenn auch räumlich getrennt, in einem regen Austausch. Die Familie ist zwar horizontal schmäler geworden, vertikal aber sehr viel ausgedehnter. Dadurch werden die Herausforderungen an die arbeitende Generation entschieden größer.  

Auf die ältere Generation kommt die Mithilfe bei der Erziehung der Kinder zu. Oft ist eine Berufstätigkeit der Frau gar nicht möglich, wenn die Großeltern nicht einen wesentlichen Teil der Aufsicht über die Kinder und deren Erziehung mit übernehmen. Bei Erkrankung von Kindern oder Familienangehörigen springen sie wie selbstverständlich ein. Auch das finanzielle Engagement in die Enkelkinder ist in der Regel sehr groß. 

Die Zahl der pflegebedürftigen alten Angehörigen nimmt zu. Das trifft oft zuerst einmal die Ehefrauen, da sie meist jünger als die Männer sind und eine höhere Lebenserwartung haben. Wenn sie selbst pflegebedürftig werden, sind sie auf die Töchter angewiesen. Über 70% aller Pflegebedürftigen werden unter großem Einsatz in der Familie gepflegt. Die Familie ist das größte Pflegeheim der Gesellschaft. 

So bringt die horizontale Verlängerung der Familienbiographie zusätzliche familiäre Aufgaben mit sich. Der Dreigenerationenvertrag weicht dem Viergenerationenvertrag, die belastbaren Kinder werden zahlenmäßig gegenüber den älteren Menschen immer weniger.  

5.5 Ökonomische Belastungen der Familie

Kinder zu haben ist ein teures Geschäft, so könnte man sagen. Die notwendigen Investitionen sind sehr hoch. Familien mit mehreren Kindern verlieren erheblich an Einkommen gegenüber Alleinstehenden und Paaren ohne Kinder. 

Der Anteil am Bruttosozialprodukt der Gesellschaft, der von der Familie im verborgenen erbracht wird, taucht in den offiziellen Berechnungen nicht auf. Familie ist vor allem interessant als Konsument. Hier sind Überlegungen notwendig, wie die Familienarbeit auch zu ökonomisch relevanter Arbeit gemacht werden kann. Gerade bei den knapper werdenden Arbeitsplätzen sind dies wichtige Überlegungen. Entsprechende Modelle liegen schon seit Jahren auf dem Tisch. Gesellschaftliche Wertung von Arbeit geschieht wesentlich über das Geld. Deshalb ist Familienarbeit auch so unterbewertet, zumal sie auf die Rente keinen überwiegend positiven Einfluß hat. 

1986 wurde berechnet, daß Ehepaare zwischen 25-35 Jahren 3400,00 DM Haushaltsnettoeinkommen hatten, Familien mit einem Kind lediglich 2770,00 DM bei gestiegenen notwendigen Ausgaben durch das Kind. Das Familieneinkommen sinkt mit dem zweiten Kind nochmals. Für die Familien, die bei der heute recht späten Heirat der Frauen zwei Kinder haben, wurde im Alter von 35-45 Jahren ein monatlicher Mittelwert von 3380,00 DM berechnet, für Ehepaare ohne Kinder 4051,00 DM. Die Ausgabenposition für ein minderjähriges Kind beläuft sich im Durchschnitt auf 60% der Ausgaben für einen Erwachsenen. Damit ist das Pro-Kopf-Einkommen für Familien mit Kindern nochmals geschmälert. Es bleiben dem verheirateten Paar mit Kindern etwa 2400,00 DM. Wesentlich problematischer ist es noch bei Alleinerziehenden; oft ist dies der Weg in die Armut. Diese Daten sind nicht gerade motivierend für die Gründung einer Familie (Nave-Herz u.a., S. 249). Die Situation hat sich in den letzten Jahren eher noch verschlechtert. Selbst das Bundesverfassungsgericht hat sich dazu schon geäußert, indem es anmahnte, das Existenzminimum nicht zu versteuern. Weder Steuerermäßigung noch Kindergeld haben für Familien mit Kindern in den unteren und mittleren Einkommensgruppen einen gerechten Ausgleich geschaffen. 

Der fünfte Familienbericht spricht in diesem Zusammenhang vom Humanvermögen einer Gesellschaft. Es wird ja oft der Einwand erhoben, Kinder sei ein ideeller Wert für die Familie und nicht mit Geld auszugleichen. Das ist richtig. Andererseits sind Kinder aber für eine Gesellschaft das Humanvermögen, ohne die sie nicht existieren kann. Im Schnitt betragen 1994 die jährlichen Aufwendungen für zwei Kinder im mittleren Alter knapp 17 000,00 DM. Hinzu kommt der Betreuungsaufwand der Eltern, berechnet mit 23,00 DM die Stunde, macht einen Unterhalts- und Betreuungsaufwand für zwei Kinder im Jahr von etwa 40 000,00 DM (Minimalrechnung) aus.  

Um die Jahrhundertwende wurde in der Nationalökonomie die These vertreten, in die Natur und in das Nachwachsen der Arbeitskraft brauche man nicht zu investieren, das ginge von selbst. So ganz von selbst geht dies aber offensichtlich nicht. Die Familien bringen durch die Erziehung einen unschätzbaren Beitrag in das Humanvermögen einer Gesellschaft ein, das verlangt nach den Gesetzen der Gerechtigkeit auch Anerkennung durch die Gesellschaft. Der steuerlich Lastenausgleich der Familien wird z.B. zu 32% von diesen selbst finanziert.  

Im Wohnraum besteht eine massive Unterversorgung, vor allem für einkommensschwache Familien, junge Familien, unvollständige Familien und Familien ausländischer Arbeitnehmer. Im großstädtischen Regionen betrifft dies nahezu alle Familien mit mehreren Kindern.  

Der fünfte Familienbericht (1994) spricht deshalb von "struktureller Rücksichtslosigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse gegenüber den Familien".  

5.6 Das Auseinandertriften von individuellen und gesellschaftlichen Werten

Eine besondere Herausforderung der Familie stellt die Wertesituation in unserer Gesellschaft dar. Bleiben wir zuerst im Bereich der individuellen Werte. Ende der 60er Jahre ist ein Werteumbruch von der Fremdbestimmmung zur Selbstbestimmung. An die Stelle von Pflichterfüllung tritt Selbstverwirklichung, an die Stelle von Gehorsam tritt Verantwortung. Dies hat sich inzwischen in unserer Gesellschaft in nahezu allen Generationen durchgesetzt. Dahinter gibt es kein zurück. 

Unter der Voraussetzung der biblischen Freiheit wird Familie zu einem Ort, an dem sich die Freiheit des Einzelnen entfalten kann. Emanzipation - von aus der Hand des Vaters geben in der Antike kommend - ist auch in der Familie angesagt. Das betrifft nicht nur die Frau, die Erziehung ist ein Emanzipationsprozeß, auch wenn die Ergebnisse manchmal nicht berauschend sind. 

Die Untersuchungen sagen uns aber, daß die Menschen als Individuen auch Toleranz und Hilfe für den Nächsten hoch einschätzen. In den Familien ist dieser Wert, der letztlich Solidarität beinhaltet, gleichrangig zur Freiheit zu sehen. Nächsten- und Selbstliebe haben im Gebot gleichrangige Bedeutung. Die Selbstliebe wird zum Maß der Nächstenliebe. 

In der Gesellschaft aber gilt nur noch der eine Wert: Geld, wie es verkürzt ein Soziologe gesagt hat. Wir sind in einem gesellschaftlichen Prozeß der Durchökonomisierung aller Lebensbereiche. Der erfaßt auch die Familie. Die Familie gerät in Spannung zwischen gesellschaftlichen und individuellen Werten. Welche sind letztendlich verbindlich? In diesem kognitiven Streß bleiben mehr und mehr im Leben die individuellen Werte auf der Strecke. Hier müssen viele behilflich sein, damit auch unsere Gesellschaft von den beiden Werten Freiheit und Solidarität gespeist wird,. wenn sie nicht am Egoismus auseinanderbrechen will. Sonst werden diese Werte privatisiert und gehen letztlich unter. Kürzlich betonte eine Zeitung, in der Gesellschaft gelte der Konkurrenzkampf, in der Familie Solidarität und Liebe. Dieses Denken scheint Allgemeingut zu sein und überfordert die Familien.  

Noch an anderen Punkten geraten Familien- und gesellschaftliche Werte in Konflikt. Hierbei droht auch die Familie zu unterliegen. Familie braucht Stabilität. Mit Kindern dreimal im Schulalter umziehen, das heißt schulisch und von der Sozialisation der Freundschaften her, erheblichen Unbill auf sich nehmen. Kirchlich wissen wir, daß hier eine der entscheidenden Probleme der Entkirchlichung liegt. Der dritte Versuch, sich mit einer Familie in einer Gemeinde zu integrieren, unterbleibt meistens. Unsere Gesellschaft braucht Flexibilität; schauen sie einmal auf die Vorwürfe, die Arbeitslose sich machen lassen müssen, wenn sie nicht bereit sind, durch ganz Deutschland der Arbeit hinter her zu laufen. Familien brauchen Stabilität. Wer bleibt hier auf der Strecke? 

6. Zum Begriff von Familie

Normalerweise wird "Ehe" und "Familie" immer in einem Satz gesagt. Das ist auch nach unserer Verfassung so geregelt: "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung (GG 6,1)." Die Ehe hat in unserem Staat gegenüber allen eheähnlichen Gemeinschaften eine "meistbegünstigten Klausel". Die Verfassung versteht unter der Familie die moderne Kleinfamilie mit Eltern und Kindern. Es ist aber durchaus rechtens, um der Kinder willen, Rechte der so verstandenen Familie auf Alleinerziehende oder eheähnliche Bindungen zu übertragen, nie aber darf das besondere Privileg der Ehe tangiert werden.

Neben der Kleinfamilie gibt es heute gleichzeitig eine pluriforme Situation von Familie. Alleinerziehende, die Eltern pflegende Kinder, Großeltern und Enkel, Familien mit Elternpaaren in nichtehelicher Gemeinschaft, um nur einige zu nennen. 

In der Kleinfamilie differenziert die Kirche nochmals. Da sind die Wiederverheirateten. Wenn sie aus Witwer- oder Witwensituationen kommen, steht einer kirchlichen Eheschließung nichts im Wege, kommen sie aus gescheiterten Ehen, dann tut die Kirche sich schwer. Dann gibt es die Stiefelternfamilie (Kind mit einem nichtleiblichen und leiblichen Elternteil) und die Fortsetzungsfamilie (Patschworkfamilie), die sich aus Teilen bisheriger Familien und neuen Kindern (meine/deine/unsere Kinder) zusammensetzt. Solche Familien gibt es viele bei einer Scheidungsquote 1991 von 30% (davon ca. 50% ohne Kinder). Offensichtlich heiraten von diesen aber die meisten wieder und gründen auch eine neue Familie. So waren an den standesamtlichen Eheschließungen 1991 ca. 25% Geschiedene beteiligt. Dabei ist aber das Durchschnittsalter der wiederverheirateten Frauen mit 37,9 Jahren (altes Bundesgebiet) zu beachten. 

1991 gab es bei den 35- bis unter 40jährigen 65,4% Ehepaare mit Kindern, 13,8% Ledige, 10,4% Ehepaare ohne Kinder, 5,4% Verwitwete, Geschiedene, getrenntlebende Verheiratete und 5% Alleinerziehende.  

Ehe und Familie in der modernen Form werden auch Normalfamilie, besser eine bewährte Form von Familie genannt (Die Ehe ist nach dem Sozialbriefentwurf der evangelischen und katholischen Kirche eine bewährte Grundlage von Familie). 80% der Kinder werden darin groß. 

Definieren könnte man Familie als primäre Solidaritätsgemeinschaft, die wenigstens zwei Generationen umfaßt. In dieser Definition gibt es drei Elemente:

  • Generationenbeziehung in der Regel abstammungsmäßig als Eltern-Kind, aber auch andersZusammenleben
  • Institutionelle Absicherung, in der Regel auch gemeinsame Wohnung
  • Dabei ist meist eine Generation auf Hilfe angewiesen (Kinder und Pflegebedürftige). 

Das Zweite Vatikanische Konzil sagt zur Familie: "... leben in der Familie verschiedene Generationen zusammen und helfen sich gegenseitig, um zu größere Weisheit zu gelangen und die Rechte der einzelnen Personen mit den anderen Notwendigkeiten des gesellschaftlichen Lebens zu vereinbaren. (GS 52)". 

7. Ausblicke

Das Zusammenleben in zwei Generationen wird es auch weiterhin geben. Zur Sozialisation der menschlichen Person ist dies unabdingbar, notwendig ist es auch zur Regelung des Verhältnisses zur Gesellschaft. Die Frage ist nur, wie sich die Familie weiter entwickeln muß. Ein zurück zur Familie des industriellen Zeitalters gibt es nicht mehr. 

Die Familie der Zukunft wird pluralistischere Familienbiographien haben als früher, der Generationenverband kann sich, zeitlich unterschiedlich intensiv, auf vier Generationen erstrecken. Es bedarf der Änderung von inneren und äußeren Bedingungen der Familie, damit sie den Herausforderungen der Zukunft einigermaßen gewachsen ist. 

Die Synode behandelt in ihrem Beschluß "Ehe und Familie" auch mehr die Ehe. Sie betont, daß es keine gesellschaftliche Einrichtung gibt, die einen solchen Dienst am Kind leistet. "Die Bindungen, die in ihr eingeübt und geprägt werden, sind eine wichtige Voraussetzung dafür, daß der Mensch in unserer schnellebigen und konfliktreichen Gesellschaft bestehen kann." 

Familie wird aber die Institution bleiben, in der Primärsozialisation in unserer Gesellschaft eingeübt wird. Ohne diese kann Gesellschaft gar nicht überleben. Die Reproduktion und Primärsozialisation ist die unverzichtbare Aufgabe der Familie (Schaffung von Humanvermögen). Dies ist die Bedeutung der Familie für die Gesellschaft. In diesem Bereich müssen auch die ökonomischen Voraussetzungen der Familie wesentlich verbessert werden. Dies betrifft vor allem auch die Frauen in der Familie und ihre Lebens-, Berufs- und Altersversorgungsperspektive. 

Für den einzelnen Menschen ist sie immer noch eines der erstrebenswerten Güter, weil er hier menschlich Rückhalt und Geborgenheit findet. Neben der Gesundheit ist in unserer Gesellschaft immer noch die Familie eines der angestrebtesten Güter. 

8. Literaturhinweise:

Baltes P.B. u.a. Hg., Zukunft des Alterns und gesellschaftliche Entwicklung, Berlin 1992

Bundesminsterium für Familie und Senioren, Fünfter Familienbericht, Bonn 1994

Gronemeyer R., Ohne Seele, ohne Liebe, ohne Haß, Düsseldorf 1992

Internationales Jahr der Familie, Familienreport 1994, Bonn 1994 (umfangreiche Literaturangaben!)

Nave-Herz R., Markefka M. Hg, Handbuch der Familien- und Jugendforschung, Bd.1, Neuwied 1989

Segalen M., Die Familie, Frankfurt 1990


Erziehungsgehalt 2000

Der Deutsche Arbeitskreis für Familienhilfe e.V. Freiburg, Eschbacherweg 6 79199 Kirchzarten, hat eine Studie zum Erziehungsgehalt 2000 herausgegeben. Diese kann unter obiger Anschrift angefordert werden. Die Studie geht von der Gleichstellung von Erwerbsarbeit und Erziehungsarbeit aus und fordert deshalb einen gestuften Erziehungsgehalt mit einem Grundbetrag bei einem Kind von DM 2000 pro Monat, einem Zusatzbetrag von DM 1000 p.M. für jedes weitere Kind. Eine sehr lesenswerte Studie. (Leider müssen die Autoren schlechte Erfahrungen mit ihren Großeltern gemacht haben, anders sind die teilweise undifferenzierten Angriffe auf die ältere Generation nicht verständlich.) Das Konzept der empfehlenswerten Studie ist abrufbar.


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Geändert: 01.08.1999 Dr. Ernst Leuninger