Erinnerung an eine Gründergestalt des sozial-politischen Katholizismus in Frankfurt Gerhard Heil (1869-1943)

 

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Katholische SozialLehre
Catholic Social Teaching
Autor: Ernst Leuninger

Erinnerung an eine Gründergestalt des sozial-politischen Katholizismus in Frankfurt Gerhard Heil (1869-1943)

Eine Gründergestalt des sozial-politischen Katholizismus in Frankfurt war Gerhard Heil. Sein Vater hatte das Zentrum in Frankfurt gegründet, er führte es fort. 

Er wurde geboren am 29. März 1869 in Frankfurt und starb am 26. November 1943 in Lorch a. Rh., wohin er mit seiner Frau vor den Bomben geflüchtet war.

Auf ihn vor allem gehen die katholischen Arbeitervereine in Frankfurt zurück.

Für seine vielen Verdienste für die Kirche erhielt er vom Papst den Orden "Pro pontifice et ecclesia."

Zu seinem 60. Geburtstag erschien der folgende Artikel in Frankfurt, der sein vielfältiges Wirken darstellt:

 

Übertragung eines Artikels, der anlässlich des 60. Geburtstages von Gerhard Heil zum 29. März 1929 in der damaligen Frankfurter Zeitung erschien. (Aus den Archiven der Enkelinnen Christel Schneider und Rita Klepsch)

GERHARD HEIL
Zu seinem sechzigsten Geburtstag

Stadtrat Gerhard Heil vollendet am 29. März sein sechzigsten Lebensjahr. Der Sohn des Begründers und langjähriger Leiters des katholischen Zeitungsunternehmens in Frankfurt a.M. hat an den Verdiensten seines Vaters und seines älteren Bruders Heinrich vollen Anteil. Von Jugend auf hat er der Verlagsanstalt Anton 'Heil; der späteren Carolus­Druckerei G.m.b.H., seine ganze Arbeitskraft gewidmet. Er hat seinem Vater in schweren Jahren die Treue gehalten, hat zur Entwicklung und Ausbreitung des Unternehmens in leitender Stellung viel beigetragen und ist auch, als es nach der kritischen Zeit der Kriegs- und Inflationsjahre zu neuem Aufstieg ging, mit Rat und Tat dabeigewesen. In der Carolus-Druckerei verehrt man in dem Mitglied der Geschäftsleitung Gerhard Heil den Träger einer guten Tradition, im ganzen Betriebe erfreut er sich ob seiner bewährten Klugheit und Berufserfahrung, seiner menschlichen Güte und Hilfsbereitschaft, seines freundlichen und anspruchslosen Wesens der größten Wertschätzung.

Sein sechzigster Geburtstag ist nicht allein ein Fest für das Unternehmen, dem er angehört Das katholische Frankfurt, die örtliche Zentrumspartei und darüber hinaus weite Kreise der Bevölkerung, denen sein vielseitiges Wirken zu Gute kam, fühlen sich diesem Manne tief verpflichtet. Als langjähriges Mitglied der katholischen Gemeindevertre­tung, des Kirchenvorstandes seiner Pfarrgemeinde Sachsenhausen und des Vorstandes im "Gesamtverband der katholischen Pfarrgemeinden im Gebiete der ehemals freien Reichsstadt Frankfurt" hat er den katholischen Interessen in seiner Vaterstadt wertvolle Dienste geleistet. Sein Hauptverdienst aber liegt auf dem Gebiete des Verein- und Organisationswesens.

Der Name Gerhard Heil ist mit dem Werden und Wachsen einer katholischen Volks­bewegung in Frankfurt a.M. aufs engste verknüpft. Er gehört zu den ersten, die nach den Stürmen der Kulturkampfszeit, als der katholische Volksteil Deutschlands aus der nur kirchen- und kulturpolitischen in die soziale Front hinübergeleitet wurde, als das frühere patriarchalische Verhältnis von Führern und Gefolgschaft in die demokratische Form der Massenorganisationen umgewandelt werden mußte, die Zeichen der Zeit begriffen haben. Gerhard Heil ist es nicht zuletzt zu verdanken, daß auch in Frankfurt und Umgegend der soziale Katholizismus, der auf die Anregungen Kettelers aufbaute und von dem M.Gladbacher Kreis um Franz Hitze und die Führer des Volksvereins für das katholische Deutschland verwirklicht wurde, rechtzeitig zum Durchbruch kam. Als langjähriger Senior des Gesellenvereins hat Gerhard Heil die Bedürfnisse des katholischen Arbeitsvolkes klar erkannt, auf einem sozialen Kursus in Straßburg und als Teilnehmer eines volkswirtschaftlichen Kurses des Volksvereins in M.Gladbach hat er sich die nötige Schulung geholt, die ihn zu seiner organisatorischen und propagandistischen Tätigkeit befähigte. Die Gründung des "Vereins der in Frankfurt a.M- beschäftigen katholischen Arbeiter", des späteren Arbeitervereins, aus dem sich die heutige blühende Arbeitervereinsbewegung entwickelt hat, ist auf seine Initiative zurückzuführen. Auch der Versuch zur Gründung einer christlichen Gewerkschaft in Form von sogenannten Fachverbänden wurde unter seiner Führung in Frankfurt schon zu einer Zeit gemacht, als die Bedeutung des Gewerkschaftswesens in seiner ganzen Tragweite von den wenigsten erkannt war. Neben der Arbeiterbewegung wurde die Förderung des katholischen Mittelstandes nicht vergessen. An der Ausbreitung der Männervereine, insbesondere an der Gründung der kathol. Männervereine Westend, Ostend und Sachsenhausen war Gerhard Heil führend beteiligt. Die Notwendigkeit eines organisatorischen Zusammenschlusses der immer zahlreicher werdenden katholischen Vereine hat er früh erfaßt, die Gründung des Katholikenkommitees ist auf seine Anregung zurückzuführen. Auf (soll wohl heißen "auch", Anm. CS) die Volksfeste der Frankfurter Katholiken, die alljährlich am Fronleichnamstage abgehalten werden, sind auf seinen Vorschlag hin zustandegekommen. An der Vorbereitung des glanzvollen Frank­furter Katholikentages im Jahre 1921 hat er als dritter Vorsitzender des Lokalkomitees regen Anteil genommen.

Die Geschichte der Frankfurter Zentrumspartei ist von der Person ihres ersten Vorsitzenden untrennbar. Als erster hat er die späteren Aufstiegsmöglichkeiten erkannt und ihnen die organisatorische Basis im Zentrumswahlverein geschaffen, aus dem sich die heutige Parteiorganisation entwickelte. Heils Wirken für die Partei hat sich nicht auf Frankfurt beschränkt. Zusammen mit Parlamentariern wie Müller-Fulda, Itschert, Wellstein u. a. ist er an die Organisation der Nachbargebiete herangegangen; die Zentrumserfolge im ehemaligen Wahlkreis Höchst-Homburg-Usingen, die Begründung einer Zentrumsorgani­sation in Hanau-Gelnhausen-Orb-Bockenheim wären ohne seine selbstlose, aufopfernde Mitarbeit nicht zustandegekommen.

Als Vertrauensmann der Frankfurter Zentrumswähler ist Gerhard Heil in die städtischen Körperschaften gelangt. Von 1904 - 1912 gehörte er der alten Stadtverordnetenversammlung an, längere Jahre als einziger Stadtverordneter der Zentrumspartei, der die frühere Form des Wahlrechts und der Bezirkseinteilung nicht günstig war. Nach der Revolution im Jahre 1919 stand er als erster auf der Liste des Zentrum für die Kommunalwahlen und wurde im Sommer desselben Jahres durch das Vertrauen seiner Partei­freunde als unbesoldeter Stadtrat in den Magistrat entsandt, dem er nun zehn Jahre ununterbrochen angehört, und in den verschiedensten Ressorts,. u. a. als Dezernent der städtischen Vermietungen und der städtischen Verdingungsstelle wertvolle Dienste geleistet hat. Zur Zeit ist Stadtrat Gerhard Heil der Dezernent der städtischen Darlehensanstalt. Auch dem nassauischen Kommunallandtag hat er mehrere Jahre angehört, ebenso dem Reichsausschuß der deutschen Zentrumspartei. Im nassauischen Landes­parteivorstand wird seine kenntnisreiche Mitarbeit und Erfahrung besonders geschätzt. Stadtrat Heil ist Aufsichtsratsmitglied der städtischen Osthafenmolkerei und der Bad Kronthal A.G.

Es ist damit ein Gebiet seiner Tätigkeit berührt, das ihn über die katholischen und Zentrumskreise seiner Vaterstadt hinaus bekannt und geschätzt gemacht hat: sein Eintreten für die Interessen des gewerbetreibenden Mittelstandes. In der Kriegszeit liegen die verdienstvollen Anfänge dieser Tätigkeit. In engster Zusammenarbeit mit dem Lebens­mittelamt der Stadt hat er damals die "Kleinhändlervereinigung der Lebensmittelbranche" geschaffen, der sich später die Interessengemeinschaft sämtlicher Lebensmittelgroßhändler anschloß. Es ist Gerhard Heils Verdienst, daß bei der Lebensmittelsorganisation während des Krieges das Interesse einzelner großen Firmen nicht ungebührlich in den Vordergrund geschoben und ein gerechter Ausgleich in der Verteilung der Mittel und Aufträge geschaffen wurde. Ein Verdienst, das in der Verleihung des "Kriegsverdienstkreuzes" eine äußere Aner­kennung fand. Nach dem Kriege ist Gerhard Heil trotz der Fülle seiner Beschäftigungen auch diesem Kreis seines Wirkens treu geblieben. Die Gründung des "Vereins katholischer Gewerbetreibender" liegt in der gleichen Linie.

So vereinigen sich an seinem Ehrentage weiteste Kreise der Stadt Frankfurt und über Frankfurt hinaus in dem Wunsche, daß er auch nach dem Schritt über die Schwelle des Alters seiner verdienstvollen öffentlichen Tätigkeit noch lange Jahre erhalten bleibe. Vor allem aber sind es das katholische Frankfurt und die Frankfurter Zentrumspartei, die Gerhard Heil in dankbarer Gesinnung ihre Glückwünsche darbringen Ad multos annos!  


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Geändert: 5.08.05  Dr. Ernst Leuninger