Armutsbericht 98 Kommentar

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Katholische
SozialLehre
Catholic Social Teaching
Autor: Ernst Leuninger |
Thema
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Armuts- und Reichtumsbericht |
Peter Tesing: Armut
Der vorgelegte Armutsbericht der Bundesregierung
hat ein großes Medienecho gefunden: Jeder achte Deutsche lebt in Armut, also
13 Prozent der Bevölkerung, wird dort behauptet. Wir zitieren "tagesschau.de".
"Die Statistik zeigt aber 18 Prozent", meint dagegen die "tageszeitung"
unter Berufung auf Zahlen des DIW. Hier sind die Schwellenwerte für Armut
übersichtlich zusammengestellt. Auch die Kommentatoren beschäftigen sich mit
dem Bericht. Zur Forderung nach Steuersenkungen schreibt Ulrike Herrmann in
der "tageszeitung": "Wenn man schon den Grundfreibetrag anhebt oder aber die
Pendlerpauschale ausbaut, dann muss gleichzeitig der Spitzensteuersatz
steigen. Es wäre jedenfalls ein bitterer Witz, wenn nun ausgerechnet der
Armutsbericht dazu führen würde, dass die Steuern für die Spitzenverdiener
am stärksten sinken." Auch der Kommentar der "Financial Times Deutschland"
schlägt in die gleiche Kerbe: "Niedrige Steuern helfen dem Mittelstand,
nicht aber denen mit den niedrigsten Einkommen".
taz.de 20.05.2008
Sozialminister Scholz sieht 13 Prozent der Deutschen in Armut, die Statistik
zeigt aber 18 Prozent AUS BERLIN B. DRIBBUSCH UND U. SCHULTE
Sozialminister Olaf Scholz (SPD) lieferte noch die optimistischste
Interpretation des neuen Entwurf seines Armutsberichts. Und selbst die
klingt dramatisch: Jeder achte Deutsche lebt in Armut, also 13 Prozent der
Bevölkerung. Ohne staatliche Transferleistungen wie Arbeitslosengeld,
Kinder- oder Wohngeld wären es doppelt so viele - nämlich 26 Prozent der
Deutschen. "Es gibt einen leichten Anstieg der Armut - aber der Sozialstaat
wirkt", sagte Scholz bei der Vorstellung am Montag.
Den ersten Armutsbericht legte die Bundesregierung im Jahr 2001 vor, die
aktuelle Erhebung ist die dritte - sie gilt als wichtigste statistische
Erhebung zu Armut in Deutschland. Um die bedrückenden Zahlen, die sich vor
allem auf die Jahre 2005 und 2006 beziehen, brach ein beispielloser
Deutungskampf los. Die Opposition wirft Scholz Täuschung mit untauglichen
Daten vor. "Das wahre Ausmaß der Armut ist weitaus größer und dramatischer
als von Scholz angegeben", wetterte etwa der grüne Sozialexperte Markus
Kurth.
Sogar unter den beteiligten Gutachtern herrscht Unmut. Der Vorwurf: Scholz
gehe mit einzelnen Zahlen hausieren, ohne offenzulegen, dass bei anderen
Indikatoren das Ergebnis drastischer ausfällt. Als arm gilt, wer als Single
weniger als 781 Euro netto im Monat zur Verfügung hat (siehe Kasten).
Scholz beruft sich auf die Statistik des sogenannten EU-Silc aus dem Jahr
2006, eine europaweit standardisierte Erhebung zu Einkommen. Andere
renommierte Erhebungen wie das sozioökonomische Panel des Deutschen
Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) verzeichnen einen deutlich höheren
Anstieg der Armutsquote - nämlich eine Steigerung von 12 Prozent im Jahr
2000 auf 18 Prozent im Jahr 2006. "Wir kommen zu höheren Werten", bestätigte
DIW-Forscher Markus Grabka der taz.
Das sozioökonomische Panel legt bei der Auswahl der Befragten strengere
Kriterien an. Dies könnte ein Grund für die unterschiedlichen Armutsquoten
sein, sagte Wolfgang Strengmann-Kuhn, ebenfalls Grünen-Abgeordneter und als
Volkswirt selbst an der Auswertung beteiligt. "Die EU-Silc-Zahlen sind in
hohem Maße problematisch."
Auch die Armutsgrenze von 781 Euro färbt die Lage schön. Heute gilt als arm,
wer 60 Prozent des Median-Wertes der deutschen Einkommen nicht erreicht. Der
Median berechnet allerdings nicht den Durchschnitt, in den die reichen
Gehälter einflössen. Stellten sich alle BürgerInnen in einer Reihe auf,
befände sich der Median genau in der Mitte der Schlange. Noch im Jahr 2003
legte die Regierung als Grenze 938 Euro fest - fast 150 Euro mehr. "Dies
zeigt, dass die Einkommen im unteren und mittleren Einkommenssegment
dramatisch eingebrochen sind", schlägt der Grüne Kurth Alarm.
Immerhin: Der Entwurf aus dem Ministerium zeigt die Mechanismen auf, die in
Armut führen. "Besorgniserregend" sei etwa die wachsende Zahl der
Niedriglöhner, sagte Scholz. 2005 blieben die Verdienste aus unselbständiger
Arbeit von mehr als einem Drittel der Beschäftigten unter der
Niedriglohn-Schwelle. Anfang der 90er war das bei 25 Prozent der Fall.
Weitere Risikogruppen, die besonders von Armut bedroht werden, sind
Langzeitarbeitslose und Alleinerziehende mit Kinder. Wenn ein oder zwei
Eltern einen Job haben, sinkt das Risiko drastisch, in Armut abzurutschen.
Die Armutsquote von Haushalten mit Kindern, in denen keiner arbeitet, liegt
bei 48 Prozent. Ergattern Vater oder Mutter einen Vollzeitjob, sind nur 8
Prozent der Familien arm.
Scholz wählte für die Präsentation des Entwurfs ein ungewöhnliches
Verfahren: Er veröffentlichte ohne Beschluss des Kabinetts. Am Sonntag ließ
sich der Arbeitsminister von der Bild am Sonntag mit ein paar Kernaussagen
zitieren. Die Einladung zur Pressekonferenz erfolgte am Montagmorgen - bei
einem so wichtigen Dokument geht die sonst Wochen vorher raus.
Seine Kabinettskollegen hat der Arbeitsminister damit düpiert. Familien- und
Wirtschaftsministerium erfuhren die Zahlen aus den Nachrichtenagenturen.
Prompt distanzierte sich ein Sprecher des Familienministeriums. "Es handelt
sich keineswegs um einen Bericht der Bundesregierung." Tatsächlich wird sich
das Bundeskabinett erst am 25. Juni mit dem Arbeitsentwurf befassen, für
"Konsequenzen" sei es daher zu früh, betonte Vize-Regierungssprecher Thomas
Steg.
Vor allem CDU-Minister murren über eine parteipolitisch motivierte Volte.
"Wir befinden uns eben schon im Wahlkampf", heißt es in Regierungskreisen.
Scholz habe den Bericht deshalb lanciert, um "die Debatte über
Steuersenkungen zu beenden und SPD-Themen wie den Mindestlohn nach vorn zu
schieben".
Eine naheliegende Vermutung. In die Kernaussagen des Armutsberichts hatten
Scholz' Referenten fleißig strittige Forderungen gemixt - etwa die nach
Mindestlöhnen. Prompt instrumentalisierten auch andere die Ergebnisse:
Mehrere SPD-Linke wollten hohe Einkommen und Vermögen stärker belasten.
Sozialverbände riefen nach höheren Hartz-IV-Sätzen. Bayerns
Ministerpräsident Günther Beckstein hingegen lobte das CSU-Steuerkonzept als
"richtige Stellschraube zur Stärkung breiter Bevölkerungsschichten".
WANN BIN ICH ARM, WANN REICH?
Als arm gilt nach den Daten des 3. Armuts- und Reichtumsberichts, wer
weniger als 781 Euro im Monat zur Verfügung hat und allein lebt. Gleichfalls
zu den Armen zählt, wer mit einem Partner zusammenlebt und gemeinsam über
maximal 1.172 Euro netto an Einkommen verfügt. Bei einem vierköpfigen
Haushalt mit zwei Schulkindern liegt die Armutsgrenze bei 1.640 Euro netto.
Diese Grenze ergibt sich, wenn man den Einkommenswert, der von einer Hälfte
der Bevölkerung nicht mehr erreicht wird, den sogenannten Median-Wert,
nimmt, davon 60 Prozent errechnet und dies nach Haushaltsgröße gewichtet.
Dies sind die offiziellen Armutsgrenzen für das Jahr 2005. Im 2. Armuts- und
Reichtumsbericht (mit Daten des Jahres 2003) lag die Armutsgrenze noch bei
938 Euro, inzwischen liegt sie bei 781 Euro. Das heißt: Die Einkommen im
unteren und mittleren Einkommenssegment sind eingebrochen. Die
Reichtumsgrenze dagegen erklimmt, wessen Einkommen doppelt so hoch ist wie
das durchschnittliche Einkommen in der Bevölkerung. Laut Bericht gelten
Alleinstehende, die im Monat mehr als 3.268 Euro netto zur Verfügung haben,
solchermaßen als reich. Für eine vierköpfige Familie liegt die Schwelle bei
8.863 Euro netto im Monat. Nur 6,4 Prozent der Bevölkerung erlangen diesen
Wert, diese Wohlhabenden gehören also zum reichsten 16tel der Bevölkerung.
BD
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