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Katholische SozialLehre
Catholic Social Teaching
Autor: Ernst Leuninger

Thema der Seite: USA-Texte zur kath. Soziallehre


Hirtenbrief gegen die Armut

A Catholic Framework for Economic Life

National Conference of Catholic Bishops USA, November, 1996

As followers of Jesus Christ and participants in a powerful economy, Catholics in the United States are called to work for greater economic justice in the face of persistentpoverty, growing income gaps, and increasing discussion of economic issues in the U.S. and around the world. We urge Catholics to use the following ethical frameworkfor economic life as principles for reflection, criteria for judgement and directions for action. These principles are drawn directly from Catholic teaching on economic life:

1.The economy exists for the person, not the person for the economy.

2.All economic life should be shaped by moral principles, economic choices and institutions must be judged by how they protect or undermine the life and dignity of the human person support the family, and serve the common good.

3.A fundamental moral measure of any economy is how the poor and vulnerable are faring. 4.All people have a right to life and to secure the basic necessities of life (e.g., food, clothing, shelter, education, health care, safe environment, economic security).

5.All people have the right to economic initiative, to productive work, to just wages and benefits, to decent working conditions as well as to organize and join unions or other associations.

6.All people, to the extent they are able, have a corresponding duty to work, a responsibility to provide for the needs of their families, and an obligation to contribute to the broader society.

7.In economic life, free markets have both clear advantages and limits; government has essential responsibilities and limitations; voluntary groups have irreplaceable roles, but cannot substitute for the proper working of the market and the just policies of the state.

8.Society has a moral obligation, including governmental action where necessary, to assure opportunity, meet basic human needs, and pursue justice in economic life.

9.Workers, owners, managers, stockholders and consumers are moral agents in economic life, by our choices, initiative, creativity and investment, we enhance or diminish economic opportunity, community life, and social justice.

10.The global economy has moral dimensions and human consequences. Decisions on investment, trade, aid and development should protect human life and promote human rights, especially for those most in need wherever they might live on this globe. According to Pope John Paul II, the Catholic tradition calls for a "society of work, enterprise and participation" which "is not directed against the market, but demands that the market be appropriately controlled by the forces of society and by the state to assure that the basic needs of the whole society are satisfied." (Centesimus Annus, 35) All of economic life should recognize the fact that we are all God's children and members of one human family, called to exercise a clear priority for "the least among us."

The sources for this framework include the Catechism of the Catholic Church, recent papal encyclicals, the pastoral letter Economic Justice For All, and other statements of the U.S. Catholic Bishops. They reflect the Church's teaching on the dignity, rights and duties of the human person; the option for the poor; the common good; subsidiarity and solidarity.


Wir können es nicht zulassen, den Kampf gegen die Armut aufzugeben

Ein Hirtenbrief der US-amerikanischen Katholischen Bischofskonferenz zehn Jahre nach dem Aufruf ""wirtschaftliche Gerechtigkeit für alle" erschienen 1996

Schon I986 waren die katholischen Bischöfe der USA mit der Wirtschafts und Sozialpolitik von Präsident Ronald Reagan in einem Hirtenbrief hart ins Gericht gegangen. Rund zehn Jahre später fällt ihre Bilanz noch schärfer aus: die Armut nimmt zu und das Land zerfällt in Gruppen. Wir dokumentieren den vom November 1996 stammenden erneuerten Hirtenbrief in leicht gekürzter Form. Die Übersetzung stammt vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland.

(...)Vor fast zehn Jahren verabschiedete, unsere Bischofskonferenz den Hirtenbrief "Wirtschaftliche Gerechtigkeit für Alle". Bei diesem Brief handelte es sich um einen Versuch, das Evangelium Jesu Christi im Kontext unserer komplexen und mächtigen Wirtschaft zu verkünden. Unser Hirtenbrief bestand darauf, daß unser Wirtschaftssystem nicht nur danach beurteilt werden darf was produziert wird, sondern auch danach, welche Auswirkungen es auf das menschliche Leben hat, ob es die Würde der menschlichen Person schützt oder bedroht und inwieweit es das Gemeinwohl fordert.

Wir betonten, daß wirtschaftliche Entscheidungen menschliche Konsequenzen und moralisches Gewicht haben: Sie helfen oder hindern Menschen, sie stärken oder schwächen Familien, sie fördern oder beeinträchtigen Gerechtigkeit in unserem Land. Unser Hirtenbrief wollte kein Wirtschaftsprogramm sein, vielmehr eine moralische Herausforderung und ein Aufruf zum Handeln. Wir riefen zu einem "Neuen Amerikanischen Experiment der Beteiligung und Zusammenarbeit für das Gemeinwohl auf ein Experiment, dessen Verwirklichung bis heute noch auf sich warten läßt.

Zehn Jahre nach "Wirtschaftliche Gerechtigkeit für Alle" ist es notwendig, daß die Nation die Botschaft dieses Hirtenbriefs noch einmal hört und auf ihre bleibenden Herausforderungen antwortet. Zu einer Zeit, in der eine große öffentliche Debatte geführt wird, muß die katholische Kirche weiterhin für Kinder die in Armut leben, und für Arbeiterfamilien eintreten. Unser Land muß sein Haushaltsdefizit verringern, das Wohlfahrtswesen reformieren, seine Entwicklungshilfe neu gestalten und seine nationalen Prioritäten reorganisieren. Das grundlegende moralische Maß dieser politischen Entscheidungen jedoch liegt darin, welche Auswirkungen sie auf die Armen in unserer Mitte haben, insbesondere auf Kinder und Familien, die gegen wirtschaftliche, soziale und moralische Bedrängungen ankämpfen, vor denen sie dennoch arm und machtlos bleiben.

Arme Kinder, Beschäftigte und Familien werden nicht von mächtigen Lobbyisten vertreten, doch sie haben die größten Bedürfnisse. Wir begrüßen eine breite Debatte über das Wirtschaftsleben, doch können wir es nicht zulassen, den Kampf gegen Armut und wirtschaftliche Ungerechtigkeit aufzugeben. (. . .)

In diesem Jubiläumsschreiben erneuern wir unsere Forderung nach größerer wirtschaftlicher Gerechtigkeit in einer Wirtschaft von ungewöhnlicher Stärke und Kreativität, aber mit zu wenig wirtschaftlichem Wachstum, das zu ungerecht verteilt ist. Es hat zuweilen den Anschein, daß die Kraft und die Produktivität der US-amerikanischen Wirtschaft dazu führt daß drei Nationen nebeneinander leben:

-Die eine floriert und produziert im neuen Informationszeitalter und kommt dabei mit den neuen wirtschaftlichen Herausforderungen gut zurecht.

-Eine zweite wird bedrängt durch abnehmende Realeinkommen und den globalen wirtschaftlichen Wettbewerb. Die betroffenen Menschen fragen sich, ob sie ihre Arbeitsplätze und Krankenversicherung behalten werden, ob sie sich die Hochschulausbildung oder katholische Schulen für ihre Kinder leisten können.

-Eine dritte Gruppe wird immer entmutigter und verzweifelter. Sie wird die amerikanische Unterklasse genannt, und ihre Kinder wachsen erschreckend arm auf, und dies in einer der reichsten Nationen der Erde. Ihre Frage am Ende eines jeden Monats lautet, ob sie die Miete, Lebensmittel oder Heizkosten zahlen können.

Als glaubende Menschen sind wir davon überzeugt, daß wir eine Familie und nicht miteinander konkurrierende Klassen. sind. Wir sind Schwestern und Brüder und keine wirtschaftlichen Einheiten oder Statistiken. Wir müssen uns auf der Grundlage unserer Glaubenswerte zusammenfinden, um eine Wirtschaftspolitik mitzugestalten, die menschliches Leben schützt, starke Familien fördert, eine stabile Mittelklasse vergrößert, annehmbare Arbeitsplätze schafft und das Ausmaß an Armut und Bedürftigkeit in unserer Gesellschaft senkt. Wir müssen unseren Gemeinschaftssinn und unser Bemühen um das Gemeingut stärken. Zehn Jahre nach dem Hirtenbrief bleibt es klar, daß die moralische Testfrage unserer Gesellschaft lautet ob die Armen, die Schwachen und die Schutzlosen gut leben können. Und hinter diesem Standard bleiben wir sehr weit zurück.

Ein Blick zurück

Wir glauben, der beste Weg, sich auf diesen Jahrestag vorzubereiten, ist nicht, ein neues bedeutendes Dokument zu entwickeln, sondern einen dringenden Appell zu einem erneuerten katholischen Dialog und zum Handeln zu richten, im Bemühen um eine gerechtere, produktivere und menschlichere Wirtschaft. Da wir auf diesen Jahrestag aufmerksam machen, fragen wir die katholische Kirche nach ihren weiterführenden Aktivitäten und zwar:- mit Blick zurück auf den Wirtschaftshirtenbrief und seine Hauptthemen-; mit Blick auf die US­Wirtschaft ein Jahrzehnt später: Welche Fortschritte wurden gemacht und welche Probleme bleiben bestehen?- mit Blick nach vorn auf zukünftige Herausforderungen im Lichte unserer sich entwickelnden katholischen Sozialverkündigung.

Während sich ein Großteil der Berichterstattung auf die politische Dimension konzentrierte, beruht das Kernstück des Briefes weiterhin auf der Heiligen Schrift und den katholischen Prinzipien. Die größte Leistung unseres Wirtschaftshirtenbriefes bestand darin, uns daran zu erinnern, daß das Streben nach wirtschaftlicher Gerechtigkeit eine Aufgabe des Glaubens und ein Imperativ des Evangeliums ist. Für einige Katholiken war diese Botschaft eine Bestätigung einer lange vertretenen Überzeugung. Für andere war es eine unangenehme Auseinandersetzung mit einem Teil der katholischen Tradition, dem sie zuvor nie begegnet waren Die Forderung nach wirtschaftlicher Gerechtigkeit ist keine politische Vorliebe oder eine ideologische Wahl, sondern eine Antwort auf die Heilige Schrift und eine Forderung der katholischen Soziallehre.

Wir hoffen daß die Zeit dieses Jahrestages eine Zeit der verstärkten Aufmerksamkeit für die wirtschaftliche Gerechtigkeit in unseren Gemeinden, Institutionen, Familien und unserer Gesellschaft wird. Eine kurze Resolution kann nicht den ganzen Inhalt des Briefes weitergeben, aber seine zentrale Aussage kann vielleicht so zusammengefaßt werden:

-Die Wirtschaft existiert, um dem Menschen zu dienen, und nicht umgekehrt.

-Das Wirtschaftsleben sollte durch moralische Prinzipien und ethische Normen geformt sein.

-Wirtschaftliche Entscheidungen sollten daran gemessen werden, ob sie das menschliche Leben, die Menschenwürde und die Menschenrechte fördern oder bedrohen.

-Ein Grundanliegen muß die Unterstützung der Familie und das Wohlergehen der Kinder sein.

-Ein moralischer Maßstab jeder Wirtschaft ist die Frage nach den Schwächsten.

In den letzten zehn Jahren ist die Kirche fortgefahren, ihre Soziallehre zu verkünden und anzuwenden. Papst Johannes Paul II. bleibt eine beeindruckende Stimme für Solidarität und Gerechtigkeit in einer Welt, in der es an beidem fehlt. Sein Eintreten für die Armen, die Arbeiter, die Familie und die Opfer von Ungerechtigkeit ist ein stetes Thema auf seinen Reisen und in seiner Lehre. In seiner Enzyklika von 1991, "Centesimus Annus", bot unser Heiliger Vater eine umfassende moralische Analyse der wirtschaftlichen und globalen Herausforderungen unserer Zeit, bestätigte die Prinzipien unserer Tradition und entwickelte neue Themen.

Diese Enzyklika bot besondere Herausforderungen für die Katholiken in den USA. Während die Enzyklika Demokratie und Marktwirtschaft anerkannte, bestand sie darauf, daß diese sich an dem Gemeinwohl und an dem Dienst für die Menschenwürde und Menschenrechte orientieren müssen. Der Papst blickte zurück auf die fehlgeschlagenen und leeren Versprechungen des Kommunismus und' warnte zugleich vor einem Kapitalismus, der die menschlichen und moralischen Dimensionen des Wirtschaftslebens vernachlässigt. Der Katechismus der katholischen Kirche bestätigt die katholische Lehre, daß die Wirtschaft den Menschen dienen muß und den Grenzen der moralischen Ordnung und den Forderungen sozialer Gerechtigkeit unterworfen ist.

Unsere eigene Bischofskonferenz war bestrebt, katholische Prinzipien in einer Vielzahl von Erklärungen und Initiativen anzuwenden, die auf unseren Wirtschaftsbrief gründen. Unser Nachdenken über Kinder und Familien, Umweltgerechtigkeit, internationale Verantwortung, Haushalterschaft, Wohlfahrt, Gesundheitswesen und Gewalt in unserem Land bietet Beispiele für unsere Verpflichtung, weiter für wirtschaftliche Gerechtigkeit einzutreten.

Unser Wirtschaftshirtenbrief und die allgemeine katholische Sozialverkündigung, die ihn geformt hat, sind komplex und nuanciert. Sie führen nicht zu einfachen ideologischen Festlegungen. Einige in unserer Kirche begrüßen die Lehre der Tradition über das Privateigentum, die Grenzen des Staates, die Vorteile des freien Marktes und die Verdammung des Kommunismus, aber widersetzen sich der Option für die -Armen, der Verteidigung der Gewerkschaften, der Anerkennung moralischer Grenzen des Marktes und der Verantwortung der Regierung. Andere wiederum begrüßen die Lehre über die "Option für die Armen", die Pflichten der Regierung, die Schwachen zu schützen, die Warnungen vor einem ungezügelten Kapitalismus, aber sie scheinen die zentrale Stellung der Familien, die Betonung wirtschaftlicher Eigeninitiative und die Warnungen vor bürokratischen Exzessen eines "Wohlfahrtsstaates" zu ignorieren.

Unsere soziale Tradition ist ein moralischer Rahmen und keine Plattform für Parteigänger oder ideologisches Instrumentarium. Sie fordert sowohl Rechte wie Linke, Arbeiter wie Manager heraus, sich stärker auf die Würde der menschlichen Person und des Gemeinwohls zu konzentrieren als auf ihre eigenen politischen oder wirtschaftlichen Interessen.

Mit den Worten von Centesimus Annus unterstützen wir eine Gesellschaft der freien Arbeit, des Unternehmertums und der Beteiligung. Eine solche Gesellschaft ist nicht gegen den Markt gerichtet, sondern erfordert, daß der Markt von den gesellschaftlichen Kräften und vom Staat angemessen kontrolliert wird, um so zu garantieren, daß die Grundbedürfnisse der ganzen Gesellschaft befriedigt werden. (...)

-Die Zahl der in Armut lebenden Amerikaner ist von 33 Millionen auf 37 Millionen gestiegen, obwohl die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Wirtschaftliche Zwänge. der Zerfall der Familie und das Handeln bzw. die Untätigkeit der Regierung haben zusammen dazu geführt, daß mehr als ein Fünftel unserer Kinder in Armut aufwächst in einer der reichsten Nationen der Erde.

-Arbeitslosigkeit, Hunger und Obdachlosigkeit plagen unsere Nation immer noch. Millionen Menschen bemühen sich um Arbeit, können aber keine finden. Innerhalb der letzten zehn Jahre ist die Zahl der Menschen, die trotz Vollzeitbeschäftigung ihre Familie nicht aus der Armut heben können, steil angestiegen. Zur Zeit stellen sie 18 Prozent der Beschäftigten dar.

Ein Überblick

Die Armen und die Mittelklasse sehen sich mit einer wachsenden wirtschaftlichen Unsicherheit konfrontiert. Gehälter stagnieren trotz jüngster Produktivitätszuwächse, und Firmen, die ihre Kosten reduzieren wollen, gehen dazu über, Teilzeit- und Aushilfskräfte einzustellen, oft auf Kosten des Familieneinkommens.

- In den letzten zehn Jahren mußten 234000 landwirtschaftliche Familienbetriebe aufgeben, und der gesamte Armutsanteil von Landwirten schwankt weiter um 20 Prozent. Landstädte verschwinden, und Agrarland und Nahrungsmittelverarbeitung konzentrieren sich immer mehr in immer weniger Händen.

- Diskriminierung, Arbeitsplatzmangel, geringe Ausbildung und andere Faktoren machen es für Afro-Amerikaner und "Hispanics" immer wahrscheinlicher, arbeitslos und arm zu bleiben. 44 Prozent der afro-amerikanischen Kinder und 36 Prozent der Kinder von "Hispanics" wachsen in Armut auf.

- In den vergangenen, 15 Jahren ist die Kluft zwischen reich und Arm in Amerika immer größer geworden. Es hat sich gezeigt, daß 1993 die 20 Prozent Haushalte mit dem höchsten Einkommen eine Einkommensverbesserung von ca. $ 10 000 erzielen konnten. Im Gegensatz dazu erlitten die 20 Prozent mit den niedrigsten Einkommen einen Einkomensverlust von ca. $ 1200. In einer Zeit wirtschaftlichen Wachstums erleiden viele Familien eine Abnahme ihrer Realeinkommen.

- Familiäre und soziale Faktoren tragen weiter zu Armut und wirtschaftlichem Druck bei. Man geht davon aus, daß ein Neugeborenes, dessen Mutter verheiratet ist und einen Hochschulabschluß hat, deren Ehemann arbeitet oder die selbst einen Arbeitsplatz hat, zu 8 Prozent das Risiko trägt, in Armut aufzuwachsen. Ein Neugeborenes, dessen Mutter nicht verheiratet, ohne Hochschulabschluß und ohne Arbeitsplatz in der Familie ist, hat ein Arrnutsrisiko von 80 Prozent. (...)

- Die Nation häuft weiter Schulden an und belastet damit sowohl unsere Wirtschaft als auch unsere Kinder. (...) Die Bruttoverschuldung auf Bundesebene ist von $ 1,8 Billionen 1985 auf $ 4,7 Billionen 1994 gestiegen.

- Wirtschaftliche Fragen sind immer mehr globale Fragen angesichts eines wachsenden Wettbewerbs, Interpendanz im Handel.

In einer Welt nach dem kalten Krieg hat sich vieles geändert, aber für viele ist es immer noch eine Welt mit zu viel Armut und zu wenig Entwicklung. Die Zahl der Menschen, die dauernd Hunger leiden, ist von 500 Millionen 1985 auf bis jetzt 800 Millionen gestiegen. 1,3 Milliarden Menschen, unter ihnen viele Kinder, leben in erschreckender Armut auf der ganzen Welt.

Unsere gegenwärtige Wirtschaft ist durch einen beträchtlichen Widerspruch gekennzeichnet. Gewinne und Produktivität wachsen, während das Realeinkommen vieler Beschäftigter und das Sicherheitsgefühl abnimmt. Sogar vermögende Eltern fragen sich, ob ihre Kinder so gut wie sie leben werden. Einige Unternehmen streichen Arbeitsplätze und florieren, während ihre Arbeiter den Preis für das "Downsizing" ("Verschlankung"; d. Red) zahlen. In einer Zeit, in der staatliche Hilfe für arme Arbeiter und Familien immer mehr abnimmt, übersteigen die Kongreßausgaben für neue Waffen den Bedarf des Pentagons und werden mehr durch den Beschäftigungsbedarf als durch Verteidigungskriterien gerechtfertigt. Wir scheinen weit entfernt zu sein von "wirtschaftlicher Gerechtigkeit für Alle".

Es gibt keinen Konsens darüber, wie dieser Trend zu erklären ist. Die Abnahme gewerblicher Arbeitsplätze, die rapide technologische Veränderung, die Globalisierung der Wirtschaft, der verminderte Einfluß der Gewerkschaften, die Erosion des Mindestlohns und die Kosten der Krankenversicherung haben alle zu einer Verminderung des realen Familieneinkommens beigetragen.

Eine wachsende Einkommenskluft wird durch wirtschaftliche Entscheidungen herbeigeführt, die Profit vor Menschen stellen und zu unangemessenen Löhnen, verminderten Sozialleistungen, weniger Arbeitsplätzen und weniger Arbeitsplatzsicherheit führen. Mittlerweile haben individuelle Entscheidungen und unmoralisches Verhalten, das zu einem Anstieg unehelicher Geburten, Gewalt, Drogenkonsum und sich verändernden Familienstrukturen beiträgt, eine bedeutende Einwirkung sowohl auf Familien als auch auf die Wirtschaft. Wir wissen, daß Armut und wirtschaftliche Ungerechtigkeit aus Diskriminierung und destruktivem persönlichen Verhalten resultieren, aus unklugen Entscheidungen von Unternehmen und unsensiblem Verhalten im öffentlichen Sektor.

Unsere katholische Tradition spricht diese Anliegen an. Zehn Jahre nach "Wirtschaftliche Gerechtigkeit für Alle" ist es die größte Herausforderung für unsere Kirche, diejenigen, die über wirtschaftliche Macht verfügen, zu ermutigen, ihre Entscheidungen danach zu richten' wie sie sich auf die Stabilität der Familien und auf die Möglichkeiten armer Menschen auswirken und zugleich alle Menschen dazu aufzufordern, persönliche Entscheidungen zu treffen, die ihre Familien stärken und zum Gemeinwohl beitragen.

Angesichts dieses Jahrestages möchten wir zu lebhaftem Dialog und prinzipiengeleitetem Handeln über eine breite Palette von Fragen und Anliegen ermutigen, einschließlich:

-Wie kann unsere Nation zusammenarbeiten, um den Skandal von soviel Armut mitten unter uns besonders unter unseren Kindern, zu überwinden?

-Wie kann unsere Kirche eine führende Rolle dabei übernehmen, diejenigen, die Machtpositionen besetzen, aufzufordern, wirtschaftliches Wachstum, Arbeitsplatzsicherheit, angemessene Gehälter und größere Möglichkeiten zu fördern?

Ein Blick nach vorn

-Welches sind die moralischen Verpflichtungen und die Grenzen des Marktes, des Staates und des Bereichs der Wohlfahrtspflege? Wie können Wirtschaft, Arbeit, die verschiedenen Regierungsebenen sowie intermediäre Organisationen wie Kirchen, Wohlfahrtsverbände und Selbsthilfegruppen zusammenarbeiten, um die wirtschaftliche Ungerechtigkeit und Ausbeutung in unseren Gemeinschaften (communities) zu überwinden?

-Wie können die Würde und die Rechte der Arbeiter geschützt und gesteigert werden in einer Wirtschaft, in der steigender Wettbewerb, häufiges "Downsizing" und abnehmende gewerkschaftliche Organisationen Viele Arbeiter mit einem Risiko belasten?

-Wie können US-amerikanische Arbeiter und Unternehmen überleben und gedeihen in einer Welt, in der andere Nationen durch Minimallöhne und Minimalsozialleistungen konkurrieren?

-Wie kann die wirtschaftliche Macht unserer Nation in der Welt genutzt werden, um eine gerechtere globale Wirtschaft aufzubauen? Wie können Handel und Entwicklungspolitik Hoffnung erbringen für eine immer noch hungernde und leidende Welt?...

-Wie können wir den großen wirtschaftlichen Druck, der Familien und familiäre Faktoren (wie z. B. abwesende Väter, Mütter im Teenageralter, hohe Scheidungsrate) aushöhlt und so viele Kinder in Armut läßt, abwenden? Wie können wir Familien in ihrer wichtigen moralischen, sozialen und ökonomischen Rolle unterstützen?

-Wie kann unsere Gesellschaft die Sorge für "die Letzten unter uns" und das Gemeinwohl zu einer zentralen Überlegung bei der Entwicklung der Haushalts-, Umwelt- und anderer Innenpolitik werden lassen?

-Wie können wir mit unserer eigenen Arbeit, Produktivität, Konsumverhalten und Lebensstil zu den Bedürfnissen einer hungrigen Welt beitragen?

-Wie kann die Nation den verschiedenen sozialen und wirtschaftlichen Kräften begegnen, die sowohl städtische als auch ländliche Gemeinden als Stätten unverhältnismäßiger Armut und Entmutigung zurücklassen?

-Wie können wir der Rassenungleichheit, die es heute in unserer Nation gibt, begegnen?

-Wie können wir die wachsende ethnische und rassische Distanz zwischen den verschiedenen (Bevölkerungs)Gruppen und die fortdauernden Einwirkungen von Diskriminierung auf das Wirtschaftsleben überwinden?

-Wie kann die Kirche das, was sie anderen über wirtschaftliche Gerechtigkeit, Menschenwürde und Rechte der Arbeiter predigt, in ihrem eigenen Leben und ihren eigenen Institutionen praktizieren? {...)

Indem wir diese und andere Fragen stellen, glauben wir, daß die katholische Kirche auf verschiedene Weise Brückenfunktion haben kann. Unsere Kirche überquert Schranken der Klasse und Rasse, der Politik und der Ideologie. Katholiken stehen im Zentrum und am Rand des US-amerikansichen Wirtschaftslebens. Wir sind Geschäftsführer und Senatoren, Gewerkschaftsführer und kleinere Unternehmer, eingewanderte landwirtschaftliche Arbeiter und obdachlose Kinder. Zehn Jahre nach dem Hirtenbrief müssen wir unserer Kirche helfen, ihren Sinn für Solidarität zu erneuern, und unserer Gesellschaft, ein Gefühl von nationaler Zusammengehörigkeit wiederzuentdecken und mehr nach dem Gemeinwohl zu streben als nach unseren eigenen engen wirtschaftlichen und anderen Interessen.

Zudem betont unsere Tradition sowohl Rechte als auch Verpflichtungen, fordert wachsende Barmherzigkeit, besteht auf größerer Gerechtigkeit und verteidigt größere persönliche und breitere soziale Verantwortung. Wir erkennen die wichtigen Funktionen und Grenzen von Märkten an, der Regierung und Gruppen der freien Wohlfahrtspflege. Wir hoffen, daß wir in diesem Jubiläumsjahr über einige der falschen Alternativen und ideologischen Polarisierungen in der wirtschaftlichen Debatte hinauskommen und zu einer erneuten Suche nach dem Gemeinwohl zusammenfinden.

Wir können die Anwälte eines erneuerten Gesellschaftsvertrags sein zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zwischen Empfängern und Zahlern von Unterstützungsleistungen, zwischen Investoren und Managern, die langfristiger Entwicklung den Vorrang geben vor kurzfristigen Gewinnen, die Respekt und Sicherheit im Austausch gegen verantwortliche und harte Arbeit bieten und die die Schutzlosen schützen, besonders unsere Kinder.

(...) Wir drängen katholische Veröffentlichungen, wieder ins Augenmerk auf wirtschaftliche Problemstellungen und ihre moralischen und menschlichen Implikationen zu richten. Wir drängen katholische Bildungseinrichtungen, ihre Anstrengungen zu verdoppeln, unsere Lehre zu vermitteln, ihren Studenten zu helfen, Aufmerksamkeit für die Armen und für Gerechtigkeit zu entwickeln und durch ihre Forschung und Bildungsaktivitäten zum Gemeinwohl beizutragen. Wir drängen nationale und diözesane Organisationen, Themen wirtschaftlicher Gerechtigkeit in ihre laufenden Versammlungen, Publikationen, Engagements und anderen Aktivitäten aufzunehmen. Vor allem ermutigen wir katholische Gemeinden, unsere Sozialverkündigung über Wirtschaftsfragen weiterhin in ihre Gebete und Predigten, ihre Erziehung und Bildung ihre Verkündigung und ihr Engagement einfließen zu lassen.

Wir bitten katholische Gemeinschaften und Gemeinden nicht darum, ihren laufenden Dienst aufzugeben, um sich ganz auf die wirtschaftliche Gerechtigkeit zu konzentrieren. vielmehr bitten wir die Gemeindeleitung, diese Prinzipien und Aufgaben weiter in den Gottesdienst, die Bildung und ihren täglichen Dienst zu integrieren. Das Streben nach wirtschaftlicher Gerechtigkeit ist keine Option oder etwas Zusätzliches für Katholiken; es ist Teil dessen, was wir sind und was wir glauben. (...)

Durch unsere eigenen nationalen Bischofskonferenzen, unsere bundesstaatlichen und diözesanen Strukturen, ist die katholische Kirche aufgefordert, sich weiter für Kinder und Familien einzusetzen und sie über Belange wie die reale Wohlfahrtsreform bis zur Schulwahl, von den Rechten der Arbeiter bis zu nachhaltiger Entwicklung zu unterrichten. Wir müssen diese und andere eindrucksvolle Bemühungen stärken und darauf aufbauen.

Erneuerte Verpflichtung

Es war jedoch schon immer klar, daß das Streben nach größerer wirtschaftlicher Gerechtigkeit sich nicht in erster Linie durch Erklärungen religiöser Gruppen, sondern auf dem allgemeinen Marktplatz vollzieht- wo Investitionen getätigt, Verträge verhandelt, Produkte hergestellt, Arbeiter eingestellt und Politik gemacht wird. Die Suche nach wirtschaftlicher Gerechtigkeit findet auch im öffentlichen Feld statt. (...)

Wir erneuern den Aufruf unseres Hirtenbriefes an Gläubige, ihre Wahlmöglichkeiten auf dem Markt und in der Arena der Öffentlichkeit gemäß den Werten der Heiligen Schrift und den moralischen Prinzipien der katholischen Kirche zu bilden. Was auch immer unsere wirtschaftliche Position, unsere politische Orientierung und unsere ideologischen Vorlieben sein mögen, wir sind als Katholiken aufgerufen, für eine Wirtschaft zu arbeiten, die respektvoller mit menschlichem Leben und menschlicher Würde umgeht.

Wir mögen, was Eigenarten und Vorlieben betrifft, unterschiedlich sein, aber laßt uns zusammenkommen- über wirtschaftliche, ideologische und ethnische Grenzen hinweg-, um für eine Gesellschaft und eine Wirtschaft zu arbeiten, die mehr Gerechtigkeit und Möglichkeiten besonders für die Armen bietet. (...)

(Übersetzt von Heike Kremer) (Genehmigung zum Abdruck ist erbeten)


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Geändert: 01.08.1999 Dr. Ernst Leuninger